Hermann Zilcher - Selbstbiographie lang

Außer der nachstehenden langen Selbstbiographie haben Sie hier auch Zugriff auf einen tabellarischen Lebenslauf, sowie eine ausführliche Biographie und Zilchers Selbstbiografie in kurzer Fassung. 
Eine genealogische Übersicht bietet der Stammbaum.


Aus Hermann Zilchers handgeschriebener Biographie für seine Kinder 
“Wie ich wurde” (1946)

Lieber Hermann Z

dieses Buch soll das erste Exemplar Deiner ersten „Lebensbeschreibung" enthalten. Was gut und was schlecht darin geraten sein mag, soll alles nur der Ausdruck meiner unbegrenzten Dankbarkeit und Verehrung für Dich sein - einer Art von Schuld also, die ich durch dieses Buch zu einem kleinen Teile abzutragen beginnen möchte - zum größeren aber hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit und in einer uns beiden erfreulicheren Form!

"Diese Feststellung möge gleichermaßen als Erklärung, wie als Entschuldigung gelten.“

Opp.

Am Tage Deines neununddreißigsten
"Wiegenfestes!"
Berchtesgaden - Schönau.

Die umstehenden Zeilen sollten der Anfang einer Lebensbeschreibung sein, die Kapellmeister Hans Oppenheim dann verwirklicht und veröffentlicht hat in der Reihe: Zeitgenössische Komponisten, herausgegeben von H.W. von Waltershausen, im Dreimasken-Verlag, München, 1921. -

H. Oppenheim wollte diese, handschriftlich auf diesen Blättern nun geben; es ist nicht mehr dazu gekommen.
Es sind nun 25 Jahre ins Land gegangen -es ist allerlei innen und außen geschehen; ich bin jetzt im 65sten Lebensjahr. -
Durch die Ereignisse des II. Weltkrieges nun bin ich zu einer gewissen beruflichen Ruhe verdammt: ich bin meiner Stellung enthoben, habe noch keine Genehmigung der amerikanischen Militärregierung, Stunden zu geben, Privat- oder andere Konzerte zu veranstalten. Mir sind u.a. sämtliche Klaviernoten weggenommen worden, zwei Flügel wurden requiriert, alle sonstigen Instrumente sind entweder gestohlen oder zerstört worden (drei Handharmonika's, eine Geige, ein Cello) - somit ist Gelegenheit, zurückzudenken. -

Das Oppenheim'sche Buch schließt ab mit meiner Berufung als Direktor an das Staatskonservatorium der Musik in Würzburg, - im Jahre 192o.-
25 Jahre habe ich in und für Würzburg gearbeitet, - und im Augenblick schaut es so aus, als ob das Endergebnis meiner Tätigkeit eine Zwangsevakuierung nach "irgendwohin" sein sollte! -
Noch sitze ich aber unter eignem Dach und will versuchen in die Scheunen zu bringen, was irgend noch geht. -

Die Zeit von 192o - 1945 war beruflich sehr ergiebig; doch scheinen in absehbarer Zeit die Umstände nicht geeignet zu sein, da fortzusetzen, wo Oppenheim aufgehört hatte. Oppenheim schloß zwar: "Die Persönlichkeit Zilchers wird inzwischen weiter ihren Weg gehen, unbekümmert um Ablehnung oder hartnäckigste, mit allen Mitteln kämpfende Gegnerschaft - ihren Weg, auf dem eine spätere Zeit williger vielleicht folgen wird." -
Ich kann es nicht für meine Aufgabe halten, meine Arbeit der letzten 25 Jahre zu beschreiben, selbst wenn keine Gegnerschaft da wäre, die mit allen Mitteln kämpft! Wohl aber ist vielleicht meinen Kindern und einigen Freunden eine allgemeine Rückschau von Interesse.

Der Blick nach außen sieht fast nur Trümmer, Gräuel, Entsetzen und Tod, und ihm gähnen ungezählte Sorgen und Fragezeichen entgegen; -
Deshalb ist eine Innen=schau nach meiner frühesten Vergangenheit vielleicht eine Art Trost. („ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann") Aber ich will nicht nur mir helfen, sondern anderen erzählen, was ich mehr oder weniger deutlich als "baustein-wichtig" empfunden hatte; und dieses Erinnern sei gewagt, - ehe - auch da noch Vieles verschüttet werden kann. So will ich es denn versuchen, in einigen kleinen Skizzen niederzuschreiben

"Wie ich wurde"

Etwa dreieinhalb Jahre alt, oder etwas älter, muß ich gewesen sein, als ich mit einem etwas älteren Spielgenossen im Garten die großen, weißen Gewitterwolken angeschaut habe. Wir sprachen davon, wie groß wohl der liebe Gott wäre. Mein Freund meint, so groß wie alle Häuser zusammen; ich glaubte, er wäre noch größer wie all’ die Wolken, was mein Spielkamerad bestritt. - Wir wurden nicht einig, aber dieser Sommertag ist meine älteste Erinnerung. Entstanden waren solche Gespräche aus der bei mir immer größer werdenden Angst, meiner Mutter könne (wenn sie zum Einkaufen in die Stadt ging) etwas passiert sein. - Mich quälte schon sehr früh eine wilde Phantasie im Ausdenken von allen möglichen und unmöglichen Unglücksfällen. Es war nun die Frage, ob der liebe Gott solcherlei verhindern, oder gar veranlassen könne.
"Der gesunde Kinderschlaf hilft über solche Zeiten hinweg" - sagt man wohl. Wie war's aber manchmal mit dem Einschlafen? Wenn ich ganz weit zurückdenke, hörten damals meine kleinen aber scharfen Ohren Weinen der Mutter, Schelten des Vaters, der sich tagsüber mit (oft 11!) Klavierstunden plagte... Allerdings manchmal - viel zu selten! - bekamen meine Ohren wundervollen Schmaus = da wurde Klavier und Violine, oder gar Klavier, Violine und Ce11o gespielt, - da war vom Einschlafen natürlich erst recht keine Rede. Nicht nur in Erinnerung an solche Festabende, sondern auch "aus mir heraus" mußte ich immer häufiger beim Einschlafen vor mich hinsummen, was dann oft Verweise und Befehle zum "sofortigen Einschlafen!" gab. -
Am besten ging das Einschlafen mit ... Daumenlutschen!, welchem Laster (Laster?) ich noch bis in die ersten Schuljahre hinein fröhnte! Natürlich kämpften meine Eltern heftig gegen diese Angewohnheit; aber alles Spotten half nichts; auch die Zunahme an Weisheit und Verstand war machtlos. Im Gegenteil: Die Bücher zum Betrachten und Lesen eigneten sich besonders gut als "spanische Wand" vor's Daumenlutschen.
Eines Tages aber wurde scharfes Geschütz der Erziehung abgefeuert. Eine zu Besuch weilende Tante erzählte, daß der kleine sonst so nette Junge X.Y. (der das Daumenlutschen auch nicht lassen konnte!) nun an einer schrecklichen Krankheit leide. Das Fleisch am Daumen solle sich langsam, aber sehr schmerzhaft abgelöst haben, und nun stünden (entsetzlich!) die nackten, zerfressenen Daumenknochen soo in die Luft! - Ich saß während der Erzählung in einer Zimmerecke, las ein Buch, und hinter dem Buch! ....
Meine Eltern warteten vergebens auf einen pädagogischen Erfolg. Nur fiel meiner Mutter auf, daß ich vorm Bettgehen mir immer ein Taschentuch holte und mit dem Gesicht gegen die Wand mich legte. Nach einigen Tagen entdeckte sie dann, daß ich unentwegt im Bett lutschte, aber meinen Daumen dick mit dem Taschentuch umwickelt hatte! -

Bald wurde mein Interesse für die Klavierstunden, die mein Vater zu Hause gab, offensichtlicher. Eines Tages behauptete ich, vom Nebenzimmer aus zuhörend, -: "Der spielt ja heut' seine Übung auf den schwarzen Tasten!" Oder ich konnte einzelne Töne nach der Stellung der Goldbuchstaben auf dem Klavier beschreiben und heraushören. (Die Namen der Töne kannte ich ja noch nicht!). Jedenfalls konnte sehr früh festgestellt und erprobt werden, daß ich das absolute Tonbewußtsein hatte.
Dann reizte es mich schon damals, mit dem (mir selbst auffallenden) sicheren Gefühl für die Zeitdauer eines Musikstückes zu spielen. So sagte ich z.B. meiner Mutter, wenn Jemand im Nebenzimmer etwas mir Bekanntes spielte: "Wenn der den Anfang (den I. Teil einer Sonate etwa) wiederholt, dann kann ich von unserer Wohnung im III. Stock bis herunter in den Garten laufen, - einmal um den Rasen herum, - und bin bequem zu den Schlußakkorden wieder oben!" –
Solche und ähnliche Experimente habe ich immer auch später wieder gemacht; so etwa als Schüler und Solist im Konservatorium bei Klavierkonzerten während der Orchestertutti's wegzugehen, und eben gerade pünktlich beim Wiedereintritt des Solos zu erscheinen! - (Beim Komponieren von Bühnenmusiken, oder Pantomimen erwies sich dieser sichere Sinn für den Zeitverlauf dann in Zukunft als sehr nützlich.)
Diese Begabung hängt wohl mit dem Sinn für Rhythmus zusammen. Ob sie sich genau mit diesem deckt? oder eine Steigerung desselben bedeutet?? Betonen möchte ich noch, daß der Reiz dieser Spielerei für mich darin bestand, nicht etwa die Musik innerlich weiter zu spielen, sondern sie gewissermaßen beim Weggehen "abzuschalten", und allein (ohne mich - d.h. ohne mein Bewußtsein) weiter laufen zu lassen, was ein sehr eigenartiges Gefühl (in der Sonnengeflechtgegend?) war und auch heute noch ist.

Daß ich gelegentlich immer wieder allerlei Getön, wie Glocken, Gläser, Lokomotivpfeifen, Papierrollen, Schalen etc. auf dem Klavier genau angeben mußte, fand ich lächerlich, weil's doch "gar keine Kunst war!". -
Ernsthafter wurde dies alles, als ich an meinem fünften Geburtstag von meinem Vater die erste Klavierstunde bekam. Mit Ausnahme der Ferien gab es nun bis zu meinem Eintritt ins Konservatorium mit unerbittlicher Strenge und Regelmäßigkeit wöchentlich 2 Klavierstunden, deren letzte Viertelstunde bald nur zum Vomblatt-Spielen benutzt wurde. Ich kann meinem Vater nicht dankbar genug sein, daß er neben seinen pianistischen Anweisungen so auf das Blattspielen drang. (Er hat übrigens in rührender Genauigkeit ein Tagebuch über mich von meinem ersten Lebenstag an geführt, - und alle Kompositionsversuche und Kompositionen von mir aufgeschrieben, bis ich selbst Noten malen konnte. - So gab es, als ich ins Konservatorium eintrat über 1oo Klavierstücke, darunter auch Violinsonaten, Variationen- und Chorwerke etc. Niemals aber hat mein Vater an meinen Kompositionen etwas korrigiert! so daß ich darin also quasi ganz wild aufgewachsen bin.)

Mein Vater war in seinen Klavierstunden und bei mir sehr streng; er klagte dann oft, daß ich mit so wenig Ausdruck spielte! Wenn ich mich unbeobachtet glaubte, oder vor anderen Leuten spielen mußte, ging's viel besser ("also kann er's doch, wenn er nur will!"...) Ich freute mich aber immer sehr, vor Fremden zu spielen, was ziemlich oft geschah, da mein Vater in gelegentlichen sonntäglichen Matineen seine sämtlichen Schüler vor ihren Eltern und Bekannten vorspielen ließ.

Schwierig wurde meine Stellung dann in der Schule. Meine "Sonderbegabung" ist bald aufgekommen, aber mehr durch Redereien der Kameraden, als eher durch Beobachtungen des Singlehrers. Im Gegenteil: Bei einstimmigem Chorsingen machte es mir Spaß, allerlei zweite Stimmen dazuzukontrapunktieren. "Der singt ja ganz falsch“ riefen einige Jungens. Der Lehrer kam in meine Nähe, - ich wußte nun genau, wie ich zu singen hätte, um nicht aufzufallen! Aber nun gerade!, der Lehrer mußte doch merken, daß das nicht falsch, sondern besonders richtig war! Leider war aber der Lehrer ziemlich ahnungslos, und ich bekam - sehr zum Erstaunen meiner Eltern! - in meinen ersten Zeugnissen schlechte Noten im Singen.
Bis es einen Maiausflug gab, bei dem auch andere Lehrer mitgingen. Hier nun probierte ich es noch einmal, hielt mich bei einem Marschlied in der Nähe der anderen Lehrer und kontrapunktierte fröhlich drauf los. - Da platzte die Bombe: die Lehrer stritten sich über mein musikalisch-sein immer heftiger und einer von ihnen bat mich, ihn einmal zu besuchen. Ich spielte ihm ein eigenes Klavierstück vor (widmete es ihm!) und das Erstaunen war groß. Aber merkwürdig, die Schlacht war nicht etwa gewonnen, sondern der Kleinkrieg ging erst recht los. In - mir heute noch unbegreiflicher Weise -wurde ich nun von fast allen "Erziehern" bei passenden und unpassenden Gelegenheiten mit meiner Musik gehänselt und verhöhnt. "Unser Drehorgelspieler" "Gesangvereinsdirektor" u.a. hieß es "wenn Du 'mal später ein Lied komponieren kannst, so schön wie "ich weiß nicht, was soll es bedeuten", dann bekommst Du von mir eine Apfelsine gekauft!” - jubelndes Gelächter der Klasse. (Aber schwierigere Choräle, die der Chorlehrer nicht mehrstimmig spielen konnte, durfte ich oft vor-harmonisieren!)

Im allgemeinen war ich kein schlechter Schüler; nur fiel mir oft das Aufpassen schwer, es hieß dann "Zilcher ist wieder irgendwo anders, wahrscheinlich komponiert er!" - und das war ganz richtig vermutet. In diese Zeit fielen merkwürdige Vorgänge bei meinem Komponieren. Im allgemeinen gefielen lustigere Stücke (Humoresken, Capriccio's u. dergl.) im Kreise der Verwandten und Bekonnten besser, als ernstere. Mir aber sagten meine ernsteren Sachen viel mehr zu. Nur wollten diese sich nicht so leicht einstellen; große äußere tragische Erlebnisse waren ja wohl auch nicht da, obwohl es allerlei gab, was mich sehr ergriff .- Mir fiel auf, daß mir am besten gehaltvollere Stücke gelangen, wenn ich mir vor der Zeit des Komponierens allerlei unglückliche Erlebnisse oder Gesichter (!) vorstellte. Oder ich ging, heimlich in die - nur bei Feiertagen benutzte - "gute Stube", setzte mich in einen Sessel, und betrachtete den Lüster mit seinen goldnen Kuppeln und Kerzen, was mich an die Kirche erinnerte. (Da ich vor meinem Konfirmationsunterricht vom Elternhaus nie sonderlich angehalten worden bin, in die Kirche zu gehen, oder zu beten, lag in dieser Art Sehnsucht wohl irgend etwas Geheimnisvolles, das mich in seltsam-erregte Schaffenslaune brachte.)

Bald genügte aber auch das "gute Zimmer" nicht mehr, - und am schnellsten und ernstesten war ich zum Komponieren vorbereitet, wenn ich mir (seltsam genug!) in den Arm biß, oder mir sonst irgendwie sehr weh tat, so daß ich weinen mußte; und nun hatten die "Resonanzen", die "Lieder ohne Worte" oder das Thema von Variationen die Stimmung, die mir dunkel vorgeschwebt hatte. –
Dieser "masochistische" Zustand dauerte aber nicht lange, verlor ich ebenso schnell und geheimnisvoll, wie er gekommen war.

Mit dem Komponieren war es aber auch sonst eine eigene Sache. Von meinem Vater aus hieß es: "vor allem ist Klavier zu üben! Komponieren kannst Du später noch genug!" Und mir behagten naturgemäß meine Phantasien mehr als Etüden und Fingerübungen. (Daß mein Vater schwere Sorgen nach der Gelderwerbseite hin hatte, begriff ich später erst.)
Es mögen auch ähnliche erzieherische Gründe gewesen sein, die meine Mutter zwangen, immer häufiger es abzulehnen, wenn ich ihr "neue Sachen" vorspielen wollte. Auf der anderen Seite mußte ich aber Freunden immer wieder meine Kompositionen vorspielen!, wobei es Lob und Anerkennung gab, was aber stets von meinem Vater abgebogen oder verkleinert wurde. (Diesen ängstlichen, zurückhaltenden Standpunkt nahm er noch bis in sein späteres Alter mir gegenüber ein!)
So wurde ich halt immer einsamer, und auch "fremd" im Elternhaus. Dabei war ich sehr zärtlich veranlagt, konnte kaum mit anderen spazierengehen, ohne Heimweh zu haben! -

Wie schon erwähnt, hatte ich keine religiöse Hilfe. In der Schule verstand ich zunächst das Hochdeutsche oder Bibeldeutsche oft überhaupt nicht, oder falsch. - Am Anfang "schuf" Gott Himmel und Erde... ja, was ist denn "schuf"??? Ich stellte mir einen Schuh vor, aus dem große weiße Wolken und grüne Berge herausquollen. - Der "Schöpfer" war für mich halt der Wassereimer in der Küche, - nur riesengroß, und aus diesem ergossen sich alle Dinge der Schöpfungsgeschichte. Als wir in der Schule gefragt wurden, wer zu Hause nicht bete; mußte ich mich (mit noch verschiedenen) melden, und kam mir "schlechter angezogen" vor, wie die Andern.
Und jetzt betete ich, wie wir's in der Schule gelehrt bekamen, und selbstverständlich versuchte ich bald die Wirkung der Gebete zu kontrollieren.
Um das bisher Versäumte nachzuholen, - betete ich immer länger, - und unbequemer! Wollten mir die Augen zufallen, dann zwang ich mir nun erst recht, noch zehnmal das Vater-unser zu beten. Taten mir die Kniee weh, so war's noch schmerzhafter, sich auf die Bettkante zu knieen und dergl. mehr. Ja, im Winter zog ich manchmal das Hemd aus, machte das Fenster auf, bis ich vor Kälte kaum mehr meine Hände falten konnte.
Das Gebet war meine einzige Hoffnung. Als ich einmal von Kameraden zu unrecht eines Obstdiebstahls verdächtigt wurde, glaubten meine Eltern mir und meinen Beteuerungen nicht, obwohl sie wissen mußten, daß ich mir gar nichts (auch heute noch nicht!) aus Obst machte. Ich betete innigst, daß doch wenigstens meine Mutter mir glauben möchte, - vergebens!. - Auch hier waren die in ihrer inneren Haltung sehr verschiedenen Lehrer nicht dazu angetan, einem Knabengemüt zu helfen. (Der eine Religionslehrer war bigott, der andere ironisch = liberal usw.)
So erinnere ich mich einer Szene (einer von vielen), die dadurch entstand, daß ein "strebsamer" Schüler in der Physikstunde, vor der er Angst hatte, auffällig viele fromme Bücher auf seinen Tisch legte. Der Lehrer fragte den Schüler irgend etwas, was dieser nicht beantworten konnte, und nun ging der Gestrenge auf die Bank zu., - beschnüffelte grinsend die Bibel, Gesangbücher, Katechismen etc, die da aufgestapelt lagen und sagte: "Mit dene Bücher kommst Du vielleicht einmal in den Himmel, - aber die Secunda niemals!" -
So lag es nahe, mit dem Gebet zu experimentieren. Daß der liebe Gott nicht ohne weiteres - die Schularbeiten durch einen Brand etwa vernichten würde, dachte ich mir schon. Aber ein Zeichen, gelegentlich einmal ein Zeichen, daß mein Gebet erhört worden, sei, - das müßte doch eigentlich möglich sein. Ich betete, daß ein bestimmter Stern sich bewegen oder auslöschen sollte, - ein Radfahrer auf die andere Seite fahren würde, - alles erfolglos. Schließlich bei einem Gewitter erflehte ich, daß der Blitz ganz in der Nähe einschlüge- ja, in meiner Verzweiflung rief ich Gott in immer heftigeren Worten, ja schließlich in gemeinen Schimpfworten an, - entblößte meine Brust: "Hier, -strafe mich!!" - Das Gewitter zog ab, nichts geschah; und das Leben ging weiter in seinem gerechten und ungerechten Verlauf.

Da traf ich eines Tages auf dem Schulweg ein etwa gleichaltriges Mädchen (eine sehr entfernte Cousine von mir); sie trug eine entzückende Hermelinmütze, und die erste richtige (?) Liebe war da! -Wochenlang war nun meine Seligkeit, auf dem anderen Trottoir parallel mit ihr zu gehen, und schließlich mutig den Hut zu ziehen! - sie verschwand lächelnd um die Ecke und ich mußte schleunigst nach Hause sausen. Nach schweren inneren Kämpfen wagte ich es endlich, sie einmal anzusprechen, und sie zu fragen, ob ich sie ein Stückchen begleiten dürfe. Dies wurde genehmigt "aber nur bis zur Ecke meiner Straße!" Und wieder einige Wochen später überreichte ich kleine, von mir gemalte Aquarellbildchen, und wurde dann wohl auch einige Male aufgefordert, mit zu ihren Eltern zu kommen! - Was waren das für erregende Zeiten, - und das, was ich "erreichte", war - gelegentlich - ein freundliches Handgeben!

Etwas erfolgreicher, aber kürzer war das "nächste Glück", das ich an zwei Sonntagen mit der ersten Luftschifferin und Fallschirmabsturzkünstlerin mit dem schönen Namen "Miss Polly" hatte. - In einem benachbarten großen Wirtsgarten gab es seltsame Vorbereitungen zum Ballonaufstieg; und die schöne, blonde etwas üppige Miss Polly hantierte an allerlei Apparaten herum. Jetzt oder nie - dachte ich, wagte mich in den abgesperrten Kreis, und fragte, ob ich helfen dürfe! Erstauntes Gesicht, aber es hieß dann: "Ja, meinetwegen!" und ich durfte den Ballon mit einem erstaunlich kleinen Drehapparat einstweilen mit Luft auffüllen, damit er nicht ganz flach auf dem Boden lag, und (so hatte ich's wenigstens verstanden) später das heftig einströmende Gas die Hülle nicht verletzte. - Gottseidank war schlechtes Wetter, der Aufstieg wurde acht Tage verschoben. Ich sammelte alles gesparte Taschengeld (25 Pfennige pro Woche!), klebte einige Dutzend Fallschirme aus (natürlich rosa!) Seidenpapier, kaufte ein Veilchensträußchen und überreichte am nächsten Sonntag-Vormittag Blumen und Fallschirme. Noch größeres Erstaunen, und ich mußte erklären, was sie mit den Fallschirmen tun solle, - "ja, ich dachte, aus der Höhe dann fallen lassen   und das ist dann ... wie ein Gruß von ... Ihnen!" Und nun bekam ich einen herzhaften Kuß! Oh, war das schön! - Nachmittags erhoffte ich, ich könnte vielleicht einen programmmäßig herunter fliegenden Fallschirm ergattern, -aber alles prügelte sich um die Dinger, zerriss sie dabei und melancholisch ging ich wieder nach Hause und sah auch "meine Miss Polly" nie mehr wieder.
Im Verlauf meines Lebens erfuhr ich übrigens von einer ganzen Anzahl Männern, daß auch sie seiner Zeit "Miss Polly" geliebt hätten, und nicht "so viel" erreicht hätten, wie ich! -

Scharlach und die ersten englischen Stunden brachten mich ein kleines Stückchen weiter auf den verschlungenen Pfaden ins Land der Liebe.
In unserem Hause waren vis-á-vis, über uns neue Mieter eingezogen, ich lag scharlachkrank einige Wochen in Bett und sah oft sehnsüchtig hinauf in den Himmel, und in das Fenster, wo abwechselnd zwei Mädchen und ihre Eltern herausschauten. Es wären halbe Engländer aus dem Orient hieß es, - und ich fing an, mich der Jüngeren allmählich bemerkbar zu machen. Das Grüßen und Winken funktionierte bald ganz gut und ich konnte kaum den Tag erwarten, wo ich "sie" begrüßen und sprechen durfte. Ich hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, daß die Mädels wohl gut englisch, aber sonst echt frankfurterisch sprächen. Immerhin nahm ich meine allerersten englischen Sprachkenntnisse zusammen, und bei der ersten Begegnung, - ich traf sie allein, auf der Treppe, - legte ich los: "I you like" (!) Worauf sie: "Erstens sagt man "I like you!", zweitens heißt’s "I love you!“.
Beim Versteckenspiel versteckten wir uns bald zusammen. Mein jüngerer Bruder und die anderen behaupteten zwar, das sei Be....trug. Wir Beide aber fanden es viel schöner so, - ja wir versteckten uns schließlich sogar ohne Versteckenspiel. - Wieder gab es seelische Freuden .... und Leiden; denn der kleine blonde Racker hatte es sehr bald heraus, daß ich eifersüchtig war. -

In der Zeit meiner Scharlachquarantäne begann nicht nur der kleine Roman mit der halben Engländerin aus dem Orient, sondern ich las auch den ersten größeren Roman: "Soll und Haben" von Gustav Freytag. Die Sicherheit, Ironie und der lebendige Geist des "Herrn von Fink" waren sehr verlockend und nacheifernd. Das Buch wurde mit Lysol abgewaschen und ich habe noch oft später drin gelesen. Dann aber taten es mir im Lauf der Jahre die Bücher von Jules Verne an! (Aus Indianergeschichten machte ich mir gar nichts, - auch Carl May ließ mich völlig kalt) - Die "guten" klassischen Werke, die die Schule brachte und gründlichst durchnahm"... mußte ich alle erst viel später zurückgewinnen oder besser gesagt erst überhaupt richtig kennen lernen. -

Die Stockwerke über unserer Wohnung schickten nicht nur freundliche Liebespfeile,- sondern auch wundersame Musik zu mir - Engelbert Humperdinck wohnte direkt über uns und sein Musikzimmer lag genau über dem meines Vaters. Humperdinck komponierte damals sein "Hänsel und Gretel", er arbeitete sehr langsam am Klavier, und ich drückte oft viertelstundenlang mein Ohr an die Wand, um den Märchenklängen zu lauschen. - Nicht genug damit, ich phantasierte selbst mir allerlei zusammen aus Hexenritten, Abendsegen, Waldmusiken u. dergl., ohne daran zu denken, daß diese Klänge ja nun auch wieder nach oben gehen konnten!
Eines Tages fragte Humperdinck etwas verlegen meinen Vater, warum er immer wieder sich mit seiner (Humperdincks) neuen Märchenmusik improvisierend auf dem Klavier ergehe. "Das bin nicht ich, sondern mein Bub!", war die Antwort. Humperdinck war höchlichst erstaunt, daß ein junger Bursch so nachspielen könne. Als ich nun wieder einmal nach Herzenslust über "Hänsel- und Gretel" paraphrasierte, schellte Humperdinck an der Korridortüre, trat wortlos und leise an meiner öffnenden Mutter vorüber ins Zimmer und hörte zu, bis ich merkte, daß ich noch Zuhörer hatte. Ich hörte natürlich sofort auf und verschwand, erwischte aber gerade noch, wie Humperdinck ernst lächelnd sagte: "Den müssen sie ausbilden lassen!" Meine Mutter konnte ihm bestätigen, daß diese Absicht schon längst bestünde und später, - in Berlin - als ich bei Humperdincks eingeladen war, erinnerte er sich, schmunzeln erzählend, noch oft dieser meiner Phantasien über seine Melodien.

Bevor ich ins Konservatorium kam, wollte mein Vater in einem öffentlichen Konzert unter Beweis stellen, daß auch der Privatlehrer mit seinen Schülern etwas erreichen kann. Ich spielte Chopin und eigne Sachen und erhielt neben sehr freundlichen Kritiken, eine erstaunlich ablehnende Besprechung in einer viel gelesenen Zeitung.
Mein Vater fragte mich, ob ich unter diesen Umständen wirklich Musik als Beruf erwählen wollte. Meine Antwort war, - und konnte nicht anders sein: "Nun erst recht!" -

Ich wurde im Dr. Hoch´schen Conservatorium angemeldet, - spielte meinem Lehrer für Klavier, Prof. James Kwast allerhand vor und dem Direktor der Anstalt, Prof. Dr. Bernh. Scholz versetzte ich meine ihm gewidmete (meine IIte) Klaviersonate in c-moll. Er erklärte gleich: "Nein, nein - der braucht’ keine Harmonielehre, keinen Kontrapunkt, das bringt er ja Alles mit, - den nehme ich gleich in die Kompositions und Direktionsklasse!".
Mein Vater bestand aber darauf, daß ich Alles "von der Pike auf" lernen sollte, und ich bin ihm dankbar, daß ich ziemlich lang mit strengen Satz und vielen Regeln und Verboten geplagt worden bin.
Es war ein freundliches Geschick, daß mir in der Kompositionslehre zwei gewissermaßen entgegengesetzte Lehrer bescherte: Prof. Scholz und Prof. Iwan Knorr, der mich in Kontrapunkt und Formenlehre etc. zu betreuen hatte. Scholz war der strenge, Knorr der viel freiere Lehrmeister; was dem einen nicht gefiel, lobte der andere; und was diesem wenig behagte, fand jener gerade Besonders gut!
Wenn ich auch menschlich ziemlich unter diesen Gegensätzen zu leiden hatte, - war es vielleicht für meinen Entwicklungsgang sehr gut, zwischen beiden Straßen, eine dritte, nämlich meinen Weg suchen zu müssen.

Es wurde streng und viel gearbeitet - der Ton zwischen Professoren, Direktor und Schülern war ein reizender, - wie ich ihn kaum mehr irgendwo erlebt habe. Der Schüler - namentlich, wenn er was konnte, - durfte gelegentlich auch mal was riskieren. So erzählte mir ein Studiengenosse (ich hatte die Geschichte vergessen), wie in unserer Klavierstunde Meister Kwast die Türe hereingekommen ist (es war schon ziemlich spät) und Kwast mich aufforderte: "Fangen Sie nur schon Ihr Schumannkonzert an, - ich komme gleich ans zweite Klavier!" (um den Orchesterpart zu spielen). Ich begann mit kräftigem "dis" und spielte das Konzert in gis-moll (statt in a-moll!) Kwast verzog keine Miene, setzte sich an den anderen Flügel und begleitete auch transponiert, wie wenn's so geschrieben gewesen wäre. Nur bei seinem ersten Tutti gab's kleine Interferenzen und lachend brach er ab und sagte: "na, wir wollen 'mal wieder in die Originaltonart gehen!" -

Es war eine außerordentlich reiche und gesegnete Studienzeit, und eine große Reihe heute namhaftester Künstler saßen damals auf den Schulbänken des Dr. Hoch´schen Konservatoriums. (Meine Kompositionskollegen waren u.a. Percy Granger, Cyrill Scott, Braunfels, Niggly, Frankenstein.)
Pfitzner spielte uns aus den Bleistiftskizzen seine "Rose zum Liebesgarten" vor, - sein "Armer Heinrich" wurde in Frankfurt aufgeführt; und in Oper und in den Museumskonzerten und in Solisten- und Kammermusikabenden gab es viele Anregungen. -Ich "leitete" damals am Klavier die Chorproben des "Rühl'schen Gesang-Vereins (Dirigent Scholz). Die Programme brachten, neben Bach, Händel, Brahms etc. Werke von Edgar Tinel, Felix Woyrsch. Auch bei dem überhaupt ersten Volkschor begleitete ich und erlebte die Schwierigkeit und Begrenzungen dieser so lohnens- und dankenswerten Aufgabe. - Und im übrigen dirigierte ich eigne Kompositionen - und gelegentlich Werke der großen Meister. -

Noch eine sehr ergiebige Quelle zur Bereicherung meiner Musikliteratur floß mir zu in Gestalt eines Privatschülers, eines bekannten Mäzens, der mit mir vierhändig auf 2 Klavieren alles vom Blatt spielte, was er gedruckt oder geschrieben erreichen konnte. Seine Auslandsverbindungen ermöglichten reichhaltige Beute an russischen, nordischen, südlichen, slawischen, romanischen Kompositionen. -
In Ergänzung des langjährigen Vomblattspieles mit meinem Vater hatte ich auf diese Weise ein sicher nicht alltägliches Musikkapital mir mit der Zeit erworben. -

Noch während meiner Studienzeit in Frankfurt am Main machte ich mit dem Frankfurter Streichquartett (Prof. Hugo Heermann u. Gen.) meine erste Konzertreise ins Ausland und zwar nach Spanien. Es gab Kammermusikkonzerte in Bilbao. Diese Reise schenkte mir unvergessliche Eindrücke, ich sah zum ersten Mal das Meer, und nun gleich in seiner stolzesten Verfassung am Biskayischen Golf!- Und auf der Rückreise, - über Paris - machte ich dort halt; wohnte bei einem Jugendfreund meines Vaters, der eine entzückende, junge Pariserin zur Frau hatte. Gleich beim ersten Frühstück erschienen 3,4 Freundinnen (die verschiedenen Männer waren schon all in ihrem Beruf) und der "junge deutsche Künstler" wurde genauestens betrachtet ... und ausgefragt.
Wie in einem französischen kleinen "Lustspiel" folgten Szenen mit viel Scherz und Anmut, und es gab viel zu lachen, weil ja auch mein Französisch – zumal auf einem Boden, der allerlei Glatteis trug! - zu neckischen Missverständnissen Anlaß gab.

In Frankfurt trat dann wirklich die erste große Liebe in mein Leben. In der Kompositionsstunde gab es gewaltige Verwundernis, als ich plötzlich hefteweis Liebeslieder (meistens Gedichte von "Liliencron") mitbrachte. "Was ist denn mit dem Zilcher los?" hieß es; und da mein Idol den Mädchennamen Demmering trug, ging bald der echte Musiker=Witz um: Der Zilcher komponiert eben den "Traum durch die Demmering!" (Anspielung an das Rich. Strauß'sche Lied "Traum durch die Dämmerung", das damals neu und besonders berühmt war).

Von kleinen Klavierstücken, einer Klavier- einer Violinsonate, verschiedenen Liedern, ging es im Aufgabenkreis weiter über ein Bläser- (Klavier)-Quintett, und Orchestervariationen zur ersten (kleinen) Symphonie. Ein Streichquartett und eine Orchestersuite (als op.4 erschienen) waren dann die letzten in der Konservatoriumszeit entstandenen Kompositionen.
Ich bekam den Mozartpreis für Komposition, und wurde dann geldlich unabhängig vom Elternhaus.

Ein größeres Chorwerk (“Reinhart” eine bretonische Legende) wurde fertiggestellt, und nun ging's hinaus in die Welt! Ich nahm die Partitur mit allen Hoffnungen mit nach Berlin, wo ich mich als "freier Musiker niederließ".
Zunächst gab es für mich als Komponisten und als Pianisten der argen Welt gegenüber schwere Enttäuschungen.
Die Chorwerkpartitur mußte ich (anonym natürlich) zu einem großen Preisausschreiben einschicken; sie ging verloren! Kam erst nach Jahr und Tag wieder aus einem Opernarchiv (!) zum Vorschein: Preis und namentlich die Aufführung des Werkes waren, durch diese Mißgeschicke unmöglich geworden, und außerdem hatte ich bei dem Veranstalter des Preisausschreibens (den berühmtesten Deutschen Komponisten) sicher mir durch meine Korrespondenzen etc. in dieser Sache keine besonderen Sympatien erworben!
Mein Pianisten - Debüt vor einer der größten Konzertdirektionen verlief schließlich auch unglücklich. Mit einem Riesenrepertoire kam ich angetanzt; hatte zuerst auch Glück, durch Empfehlung eines bekannten Berliner Chordirigenten außer der Reihe der "Schlange sitzenden" Debütanten drangenommen zu werden. Der Chef-euse der Agentur war sehr Erfreuliches mitgeteilt worden; sie schlug gleich ein Konzert in der Philharmonie, eins im Beethoven-Saal (beide mit Orchester), und einen Klavierabend im Bechsteinsaal vor. - Als ich fragte, wie viel Honorar ich wohl für die 3 Konzerte bekäme, lächelte die Dame mild, aber ironisch: "Sie meinen wohl, was Sie die 3 Konzerte kosten! - "Ich: "Kosten??" Sie: "Nun, sagen wir mal 3 - 4ooo Mark; dann kriegen wir Sie durch, und bei guter Presse, (woran ich nach Allem, was ich höre, nicht zweifle) sind Sie dann ein gemachter Mann!" - Ich erklärte bestürzt, daß ich kein Geld hätte, daß ich ja Geld verdienen müsse - "können Sie dann nicht eine Tante begaunern? oder einen reichen Onkel schlachten??" - Beides mußte ich verneinen, und merklich kühler wurde ich entlassen; man versprach mir, sich gelegentlich meiner erinnern zu wollen. -
Durch freundliche Empfehlungsbriefe von Prof. Hugo Heermann, (mit dem ich ja meine erste Spanien-Konzertreise unternommen hatte) konnte ich nun in Berlin bei verschiedenen fremden Botschaften, Generalkonsulen und ähnlichen Kunstliebhabern in Hauskonzerten spielen. Doch war das rein gesellschaftlich, d.h. ich traute mich nicht irgend welche Geldforderungen anzumelden. Im Gegenteil: Blumen, Wagen bei Regenwetter usw. kosteten mich allerhand, so daß das monatliche "Ergebnis" auf der Minusseite meines arg bescheidenen Conto-buches stand. Deshalb also erneuter Besuch in der Konzertdirektion, allwo ich gefragt wurde, ob ich auch. begleiten würde! Nach Lage der Dinge mußte ich das bejahen, und bald saß ich "am Klavier". -
Es war seiner Zeit noch üblich, den Begleiter (.auch wenn er Kammermusik u.A. spielte) schamvoll auf dem Programm zu verschweigen! Erst nach und nach, gelang es zwei Kollegen von mir, und mir selbst, daß wir genannt wurden. - Als dann bei mir in einem Konzert mit einem ausländischen Violinisten über mein Spiel mehr in den Zeitungen stand, wie über das des Solisten, ging's langsam aufwärts. Ich wurde zu einer Probe in die Wohnung eines berühmten russischen Geigers bestellt. Er legte ein Mozartviolinkonzert auf; nach dem ersten Satz verschwand der Meister, eilte zum Telephon und radebrechte so laut und eindringlich, daß ich hören konnte, wie er über mich und mein Spiel der Konzertagentur berichtete! Bald wurde ich zu einer schlesischen Tournee verpflichtet (-Solo spielen durfte ich noch nicht! -) Bedingungen waren: 3o Mark pro Konzert, Reisespesen u. Essen zahlt der Konzertgeber! - Das war wenigstens ein Anfang!
Manche Herbheiten mußte ich zwar überwinden; so hieß es in den Hotels immer: „für mich und meine Frau ein recht schönes Doppelzimmer, - hier für meinen Begleiter genügt ein ganz einfaches!" Oder, da gewöhnlich für uns drei zwei Fleischportionen in den Speisewagen und sonst bestellt worden waren, mußte ich gelegentlich privat und heimlich nachhelfen! Das wurde einmal bemerkt, und nun hieß es dann bei jeder Gelegenheit "Bitte, für meinen Begleiter eine recht große Portion, er hat einen Kannibalen-Hunger!! -
Ich setzte mich aber künstlerisch durch und durfte später sogar kleine Solostücke spielen. Gewiß waren die großen Solisten - rosinen bei mir sehr klein geworden und das immer in der zweiten Reihe - stehen war oft bitter. (Viele Jahre später in München, als ich einmal bei einem sehr repräsentativen Konzert die ganze Elite der Münchner begleitete, hielt König Ludwig III. nach dem Konzert einen kleinen Cercle, wobei er Jedem etwas Nettes sagte. So kam auch ich dran und aus hohem Munde flossen die Worte: "Schön, schön haben's begleitet .... aber, ... "s'is schad,.... man paßt eigentlich nur auf den Andern auf!" -
Der Begleiter mußte auch (Gott sei's geklagt!) oft sehr auf den Andern aufpassen - wie viel mußte eingerenkt, gesprungen und wieder gut gemacht werden! - Aber ich lernte nicht nur in der Lied-, Kammermusik und Solistenliteratur unheimlich viel kennen, - begleitete damals jahrelang fast alle Solisten u. Solistinnen mit Namen, - sondern (und das war das Wichtigste) ich drang in das Wesen der Streichinstrumente, mancher Blasinstrumente, und vor allem in die Geheimnisse der menschlichen Stimme ein, lernte atmen, phrasieren, deklamieren. - Wieder mußte ich danken, daß mein Berufsweg so angefangen hatte - denn alles, was ich an Schönem und Vorbildlichem gehört hatte, konnte ich ja nun für mich beim Klavierspiel verwenden, und nicht zuletzt hatten meine Kompositionen den Vorteil davon!

Über ein Jahr lang hatte ich mit dem russischen Violinistenpaar musiziert, ohne daß ich je über meine Kompositionen mit ihnen gesprochen hätte. - Sie suchten dringend nach einem Konzert für zwei Geigen! Und eines schönen Sonntagvormittags erwähnte ich so beiläufig nach der kurzen Probe: „ich habe für Sie ein Konzert für 2 Geigen geschrieben" — Zuerst große Verblüffung, dann lachte er los: "Das iiis 'mal wieder so'n echter Zilcher-witz'. " Ich holte aber aus meiner Mappe das Manuskript - und spielte es ihnen vor! - Nun war das Erstaunen und - darf ich sagen - die Freude der Beiden grenzenlos! (Es war mein op.9). Sie veranstalteten bald ein Hauskonzert mit eingeladener Presse, und das Doppelkonzert stieg dann einige Monate später mit Orchester in einem großen Konzert im Beethovensaal. -

Einige Seiten müßte ich füllen, wollte ich mit den eben Genannten - all die Künstler nennen, denen ich wertvollste Anregung verdanke. Ich beschränke mich auf einen, weil er mich in Bezug auf Vortrag und Ausdruck in sprachlichen, gesanglichen und allen anderen musikalischen Dingen ungemein gefördert hat: - Ludwig Wüllner. Er holte die besten und letzten Dinge aus jeder Musik, aus jedem Gedicht, und entschleierte Geheimnisse und Schönheiten, die mir (und vielen Anderen) noch nicht aufgegangen waren: sei es Schubert, Brahms oder Hugo Wolf und Schumann, - sei es Lessing, Hölderlin, Schiller, Goethe oder Homer.
Sein (melodramatischer) Vortrag des letzten Gesanges der Ilias ergriff mich jedes mal, so daß ich mich ganz schief zum Flügel setzen mußte, damit das Publikum nicht sehen konnte, wie ich weinte.

Mein früherer Privatschüler - der Frankfurter Mäzen - finanzierte mir ein eignes Orchesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern, in dem ich nur neue Kompositionen von mir dirigierte. - Der dicke Orchesterdiener des Philharmonischen Orchesters - ein Berliner Original! - klopfte mir nach der ersten Nummer des Konzertes (meine I. (große) Symphonie, op. 17) im Künstlerzimmer auf die Schultern und sagte wohlwollend: "Aus Ihnen wird noch 'mal 'was!" Ich fragte: "Sie merken wohl schon nach ein paar Takten am Taktstock, was mit Einem los ist?" Er: "Taktstock? Taktstock??.. Wie einer hier die Treppe auf's Podium raufjeht, da weess ick schon Bescheid!" –
Ich fürchte, daß Niemand mehr von der Familie des stets hilfsbereiten Mäzens lebt, um auch jetzt wieder meine große Dankbarkeit zu vernehmen, die ich dem Spender dieses für mich sehr wichtigen Konzerts natürlich öfter bekundet habe. (Er pflegte dann, etwas bitter lächelnd, jedesmal abzuwinken mit der Bemerkung: "Unseren zwei größten lebenden Komponisten hatte ich - ähnlich wie Ihnen - auch solche Konzerte vermittelt, - "leider kennen sie mich nicht mehr."--)

Die Möglichkeit einer größeren Tournee nach den Vereinigten. Staaten von Amerika mit einem jungen Geiger zwangen mich, mein Militärverhältnis - etwas forciert – klarzustellen, und ich meldete mich beim Garderegiment! Ich war sehr blaß, schmal und unscheinbar damals, und als ich zur Aufnahme vor einigen Gewaltigen des Offizierkorps stand, schienen elegante, etwas vage Handbewegungen des verhandelnden Leutnants zu fragen, ob das Alles sei, was da vor ihm stände. Jedenfalls hatte er sich in diesem Sinne geäußert. Ich bestand aber auf einer endgültigen, ärztlichen Untersuchung. Das Ergebnis ist mir dann (über hohe Umwege) gezeigt worden und hieß, - daß ich vermutlich nicht die mittlere Lebensdauer erreichen würde; ich war also für's Militär gänzlich untauglich "von der Garde woll'n wa jar nich' reden! ".-
Somit konnte ich den großen Konzertplan, der auf über 5o Städte .die in Amerika berechnet war, annehmen und mit einen 13-jährigen ungarischen Wundergeiger "stach ich in See."

Vorher noch hatte ich - durch Empfehlung von Humperdinck - die Bekanntschaft mit dem Dichter Richard Dehmel gemacht, der mir seine Pantomime, sein Traum- und Tanzspiel "Fitzebutze" zur Vertonung überreicht. Für das nächste halbe Jahr hatte ich also genügend Stoff zu Anregungen und eine Fülle von Arbeit.

Diese vor nun 40 Jahren erlebte amerikanische Tournee brauchte eigentlich ein eigenes Buch; es war wirklich eine neue Welt und gab mancherlei zu lernen, - oder umzulernen. Gleich am ersten Abend nach der Ankunft in New York war ein ausgiebiger Nachttrunk mit "der Presse!" Man wurde ausgefragt bis aufs Hemd - leider hatten sowohl der Geiger, wie ich keine sonderlich interessanten "Eigenheiten" zu vermelden. Einer der Herren wollte mir freundlichst auf die Reklame - beine helfen und fragte: "Essen Sie nicht den grünen Salat mit Himbeersaft angemacht? oder legen Sie sich etwa mit einer Krawatte bekleidet ins Bett?? Sammeln Sie Hühneraugen??? Mein Gott, Sie müssen doch irgend was Besonderes haben! - Nein?" - Ich konnte nicht dienen und erlebte gleich noch eine auf ähnlicher Ebene sich abzeichnende Szene.
Es erschien ein neuer Presse-Kollege, der von seinem Telefon- und Kabelzimmer seiner Zeitung kommend zu unserem Kreis stieß. Er wurde lachend beglückwünscht zu seinem famosen Artikel über den großen Ball der Eisverkäufer. "So, - ist der Artikel, ist die Nummer schon draußen, - ich konnte keine Korrekturen mehr lesen, da ich auswärtige Telefone hatte!" "Ja, ja," hieß es, "wunderschön, mit guten Fotos, und sehr interresant und witzig! " Nun muß man wissen, daß damals (wahrscheinlich heute auch noch!) selbst die größten Zeitungen, große, ausführlichste Berichte über solche Bälle brachten, mit Namen von Prominenzen, mit Kleiderbeschreibungen, mit amüsanten Zwischenfällen etc. etc.. Nun ging's weiter. "Wissen Sie nicht, dass die Frau des Vorstandes der Eiskäufer-Vereinigung erkrankt ist?" - "Oh, das hätte ich noch bringen müssen!" - "Besser nicht" - fuhr ein freundlicher Kollege fort - "der ganze Ball ist abgesagt worden!!" ... Die Antwort des phantasievollen Berichterstatters waren nach kurzer Pause lediglich: "Oh, verdammt!, - dann muss ich noch einen Artikel schreiben!" - Und man ging zur Tages- bzw. Nachtordnung über, und es gab unzählige Cocktails und andere drinks! -

Im ersten Konzert kam der amerikanische Konzertagent nach meiner ersten Solonummer aufgeregt ins Künstlerzimmer, - ich dachte, er wollte mir zu meinem Erfolg gratulieren, aber weit gefehlt: "Um Gottes willen, Unglücksmensch! Sie müssen sich anders auf den Stuhl setzen, - die Damen haben Angst, Sie könnten runterfallen!" (Ich sitze in der Tat nur auf der Hälfte des Stuhles, der noch dazu ziemlich weit weg vom Flügel steht!) "Ja, aber ich bin's so gewohnt" "Das ist ganz egal! versprechen Sie mir, dass Sie sich nun richtig hinsetzen? Sie verderben sich und uns das ganze Konzert!" Ich wurde bockig, worauf er erklärte: "Wenn Sie das nicht tun, löse ich den Vertrag mit Ihnen!!" Ich wusste nun schon (und habe es leider im Verlauf der Tournee öfter erlebt), dass mit diesem Mann schlecht Kirschen-Essen war und habe einen Kompromiss-sitz, wenigstens für die ersten Konzerte eingenommen.
Das schönste an den Bedingungen dieser Tournee war, daß jeweils immer erst am übernächsten Tag nach Ankunft in irgendeiner Stadt ein Konzert sein durfte, - um den jungen Geiger zu schonen. Dadurch hatte ich wunderbar Zeit, Land und Leute kennenzulernen und ... an dem "Fitzebutze" zu arbeiten.
Die Konzertreise dauerte ein knappes halbes Jahr - der Erfolg des jungen (ganz ausgezeichneten!) Geigers war nicht derart, dass etwa noch die Südstaaten hätten beglückt werden können. Das lag aber nicht an ihm (oder uns), sondern an einer Pressemache, die aus irgendwelchen Konkurrenzgründen eine damals herausgekommene "Bill" gegen das Geldverdienen von Kindern ausnützte. Gewiss war dieses Gesetz nicht gegen Wunderkinder gerichtet, aber die Tournee wurde unterbrochen, ja, abgebrochen, und ich hatte schwerste Kämpfe mit dem Agenten, um zu meinem vertraglich festgelegten Honorar (Mindesthonorar) zu gelangen. - Aber die Skizzen zu der Komposition des "Fitzebutze" waren fertiggeworden, und ich konnte nach meiner Rückkunft in der alten Welt, das Werk Richard Dehmel vorspielen.

Ich war froh, wieder in dem Schutzraum meines Vaterlandes gelangt zu sein, wenn auch bei der Ankunft des Dampfers den Reisenden, vor allem aber den am Ufer wartenden Maßnahmen entgegengebrüllt wurden, die man "drüben" nicht kannte: Mehrere Schutzleute übten ihre Stimmbänder mit Fortissimo wiederholten "Zurücktreten! Zurücktreten!"

In der Folgezeit gab es interessanten Meinungsaustausch zwischen Richard Dehmel, dem Dichter und mir, dem Musiker, und der alte und ewig - junge Streit über die Vorherrschaft der einen oder anderen Kunst erhielt lehrreiche Beleuchtungen. Ich besitze ein Manuskript der "Fitzebutze"-dichtung, in der Dehmel genauigst aufgeschrieben hat, (manchmal Wort- und Satzweise!) wie er sich die Sache komponiert denkt oder gedacht hat.
Noch bevor es zur Uraufführung dieser Pantomime kam, erhielt ich eine Anfrage vom Dr. Hoch´schen Konservatorium zu Frankfurt am Main, ob ich eine Stelle als Hauptfachlehrer für Klavier dort annehmen wollte. Ich sagte zu, - und siedelte nach 5 Jahren Berliner Tätigkeit nach meiner Vaterstadt über.

Wenn es auch nicht viel Sinn hat, wenn man in einer Lebensrückschau die eine oder andere Handlungsweise bedauert oder für falsch hält, (die vielleicht zu ihrer Zeit durchaus richtig war!) möchte ich doch behaupten, daß es nicht gut ist, wenn man zu bald an die Stätte quasi als "Meister" zurückkehrt, an der man wenige Jahre vorher "Lehrling" gewesen war. Gewiss, - ich hatte eine schöne Stelle, hatte schönen Verdienst, viele Privatschüler und Konzerte, dirigierte, machte Kammermusik und ging weiter. Ich lernte auch in der Technik des Unterrichtens sehr viel, - hatte ein reizendes Verhältnis zu meinem Direktor, zu Prof. Bernhard Scholz, und vielen anderen Künstlern aus Musiker-, Dichter- und Malerkreisen.
Aber irgendwie trug; ich doch in den Augen der Allgemeinheit immer noch "kurze Hosen!" und es gab nicht wenige Gelegenheiten, bei denen ich nicht an "Götz von Berlichingen" hätte denken müssen! - (Da hier Gefahr besteht, dass ich missverstanden werde, möchte ich die Stelle "Götz" genauer bezeichnen, - sie steht im ersten Akt, (Speisesaal des bischöflichen Palastes zu Bamberg) und Liebetraut sowohl wie der Abt von Fulda sprechen es aus: "Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande! und der Abt erklärt dies auch noch: "weil er da geboren und erzogen ist! "

In Frankfurt wurde mir nahegelegt, mich nach Tübingen als Musikdirektor zu melden, ich hätte sicher Aussichten. Ich machte mein Gesuch mit allerhand Beilagen - und erhielt die Aufforderung, mich beim schwäbischen Unterrichtsminister vorzustellen! -stand bald in seinem Zimmer, er war mit Schreiben beschäftigt, ich verbeugte mich und nannte meinen Namen: "Zilcher!" - Er betrachtete mich kurz, schrieb dann weiter. - ich wiederholte, etwas ausdrucksvoller: "Zilcher!" - worauf er ziemlich heftig sagte; "Ja, s'isch gut, er soll rei-komme!". - Ich, mit höchstem Ausdruck und Räuspern: “Zilcher!!“ Er: "Ja, zum Donnerwetter, schicken 'Se'n doch rei!" Ich: "Pardon! Ich heiße Hermann Zilcher!" Und nun stand er auf, beguckte mich sehr erstaunt und meinte: "Sie sind der Zilcher, ich hab' geglaubt, des isch'e Mann mit weiße Haar!! Ja, Sie sin' in der engschte Wahl aber, liebes Herrgöttle ..... Sie send ja e Büüble!" Mein Konkurrent war doppelt so alt wie ich und erhielt mit Recht die Stelle.
Dass mir meine Jugend im Weg stand, hatte ich ja auf mancherlei Gebieten schon früher öfter erlebt, noch als Konservatoriumsschüler riet man mir, mich bei einem Preisausschreiben in Bonn zu beteiligen. Ich hatte schon Pakete und Briefe fertig gemacht, da wurde wieder abgeblasen, die Bedingungen wären erst ab 18. Lebensjahr!!, ich konnte es mir nicht versagen zu bemerken: "Dann sollte man aber auch nach oben begrenzen!, was mein nicht mehr junger Lehrer mit einiger Herbheit entgegennahm. -

In das Jahr 19o8 fiel noch die Uraufführung der Richard Dehmel'schen Pantomime "Fitzebutze"!" Das Werk enthält verschiedene, damals ganz neuartige Tanz und Bewegungsideen, - die Musik verlangt oft frei - bis - strengst = rhythmische Bewegungen auf der Bühne, - die Szenerie stellt allerhand dankbare, aber kühne Anforderungen, - die Aufführung blieb 9/lo im alten Ballettstil kleben, und das Pantomimische war nicht klar durchgearbeitet worden.
Der Erfolg war beim Publikum sehr groß aber aus allerlei persönlichen und politischen Gründen (die mit Dehmel zusammenhängen) gab es einen großen Presseskandal, mit Drohungen ("Eingesandt") von 2oo Abonnenten, nie mehr das Theater zu betreten, wenn "Fitzebutze" noch ein einzigesmal aufgeführt werden würde. - Der so lebendige Mexikanische Gott alias Hampelmann wurde abgesetzt. - Aber zwei kleine Erlebnisse sind mir noch erinnerlich, die ich erzählen möchte. -
Eine Hauptfigur in dem Stück, ein Traumgott ("Husch") genannt, - und da in dem Stück auch gesungen wurde - mit wichtiger Tenorrolle betraut - erschien nicht in den ersten Bühnenproben "weil man ja dem berühmten Tenor der Bühne nicht zumuten könne, wegen. der paar Liedln zu kommen!" Nun war aber das pantomimische so wichtig, - dieser Traumgott war mit seiner Zauberblume doch der richtige deus ex machina!, ohne ihn war eigentlich jede Probe sinnlos, der Gang der Handlung nicht zu verstehen. "Das kommt alles in den letzten Proben", vertröstete man mich, - "markieren Sie doch den Husch!" Ich nahm also meinen Regenschirm (als Zauberblume), musste durch verschiedene unterirdische Gänge zu der Versenkung hingehen, die mich nach oben auf die Bühne befördern sollte. - Ich nahm die vorgeschriebene Haltung ein, vorgebeugt, hypnotisierend meinen Zauberschirm in die Gegend streckend, worauf der die Versenkung bedienende Bühnenarbeiter zu mir sagte: "Mache Sie die Fee?? Dann müsse' Se sich umdrehe, sonst zeige Se dem Publikum Ihr'n Hintere!" - (Na, - bei der Aufführung stand dann, wie nicht anders zu erwarten, auch mancherlei "verkehrt" herum!")

Nach mehreren Jahren hatte ich mit dem Geiger Ysaye ein Konzert in Mannheim; nach demselben gab's Festsouper mit einigen Auserwählten. Meine Tischdame kam auf's Theater zu sprechen und ich fragte sie, ob sie den "Fitzebutze" gehört und gesehen hätte. "Ja" sagte sie und schüttelte sich, "gräßlich, gräßliche Stück!" Worauf ihr (und mein) Vis-á-vis, das besser im Bilde war, merklich kleiner wurde! und unter dem Tisch mit Fußtelegraphie die Freundin auf ihren faux pas aufmerksam machen wollte. Leider hatte die freundlich Helfende sich in der Richtung vertan und traf mich, bzw. meine Beine! Ich hatte also doppelten Grund die Geschichte scherzhaft beizulegen. "Ja, die Musiiik, die war entzückend!" hiess es dann.
Jedenfalls hatte mich die Fitzebutzemusik doch weiter, und zwar nach München gebracht, wo, ich dann allerhand für die Bühne und Tanz geschrieben habe, und Mannheimer Erfahrungen verwerten konnte. -

Nach Frankfurt gelangte nämlich eine Anfrage des Generalissimus von München, Felix Mottl, der auch Direktor der Akademie der Tonkunst war, ob ich dort hin wolle. – Kompositionslehrstelle sei zwar keine frei im Augenblick (Mottl kannte meine "Fitzebutze"-partitur!) aber ich könnte ja ebensogut eine Hauptfachlehrstelle für Klavier einstweilen übernehmen!, die andere Stelle käme dann später! - Ich nahm an, und verließ ohne allzu heftigem Schmerz meine Vaterstadt.

In München! 19o8 in München, wo es zu allem noch eine große Ausstellung .gab, wo noch "Schwabing" leibte und lebte, überhaupt doch noch recht lebendige Reste alten Münchener Künstlerlebens da waren, wo die Akademiekonzerte unter Felix Mottl wahre Festabende bedeuteten, die Oper unter seiner Leitung nicht nur die großen Meisterwerke, sondern gelegentlich auch allerlei Leckerbissen brachte. In München, wo es kluge Kalendersachverständige eingerichtet hatten, daß das ganze Jahr durch es wohl kaum eine Woche gegeben hatte, wo nicht ein Fest, eine Dult, ein Bockbier- oder Salvator-ausschank, irgendwelche Eröffnungen oder Feiertage Sonntägliches Leben zauberten. In München blieb ich 12 Jahre, die für mich unendlich reich auf allen künstlerischen Gebieten waren und ein Leben in einer Atmosphäre gestatteten, die sicher nur wenigen Städten Deutschlands eigen ist und war.
In der beschwingten Münchener Luft (oft ein Gemisch von Malz, Schnee und Sekt!) entstandcn u.a. der Dehmel-Lieder-Zyklus, "Hölderlin" - Symphonischer Zyklus für Tenor und Orchester, das "Deutsche Volkslieder-Spiel, das „Hohelied Salomonis" (Variationen für 2 Singstimmen, Streichquartett und Klavier) Bühnenmusik zu "Wie es Euch gefällt" und zum "Wintermärchen" von Shakespeare, und "Doktor Eisenbart" Oper von Falkenberg-Waltershausen, und die "Liebesmesse", Gedicht für ein großes Chorwerk von Will Vesper. -
Direkt aus der Landschaft geboren waren, meine II. Symphonie (mit Erinnerungen an Hochgebirgslieder aus dem Fervall), "Nacht und Morgen" (Chiemsee), Chiemsee-Terzette, und in dem Klavierzyklus „Bilderbuch" allerhand Reminiscenzen an München und seine Umgebung. -
Von besonderer Bedeutung für mich war die Verbindung mit den Münchner Kammerspielen, mit Otto Falckenberg als Spielleiter, Leo Pazetti als Bühnenbildner. Zuerst versuchte ich in der Gespenstersonate von Strindberg das grause Bühnengeschehen durch wenige Einlagen in ein mitleidsvoll-mystisches, musikalisches Licht zu tauchen. - Dann aber kam die köstliche Zeit der Zusammenarbeit mit den Genannten für das Lustspiel "Wie es Euch gefällt!" Eine ungemein erregende Arbeit - und lusterfüllte Probenzeit von einigen Wochen; in einer der letzten Bühnenproben (mit Orchester) war schließlich die allgemeine Nervosität und stellenweise sogar das Verkrachtsein zum Siedepunkt gediehen, es musste eine Beruhigungspause eingeschoben werden und in dieser ließ ich zum erstenmal den Reigen spielen, der zu Beginn und zum Erklingen des Spieles steht: langsam kamen die gekränkten Schauspieler- und spielerinnen vor den Vorhang, und der langsame Walzer umschmeichelte sie mehr und mehr - es bedurfte keiner "Beilegungskommission", alles Böse war vergessen und löste sich in allgemeines Wohlgefallen auf. Als dann bei der Premiere am Schluss des Stückes (hinter der Bühne) im Ardennerwald die verschiedenen Pärchen scherzend und kichernd, abtanzend verschwinden und verklingen mußten, gab es sechs regelrechte Verlobungen! unter den Schauspielern, - die wie ich später hörte - nicht nur zum Ziel geführt, sondern erstaunlich langes Eheglück zur Folge hatten. (Der Schluss des Lustspieles lautet ja auch: "Beginnt mit Lust, was glücklich enden mag! ... ")

Die schönste vollendetste Erstaufführung eines Werkes von mir erlebte ich, als das Vokalquartett Felix von Kraus mein "Deutsches Volksliederspiel" herausbrachte. Es war vorbildlich einstudiert worden, - ich durfte als Komponist erst nach ca. 3o (!) Vorproben am Klavier mitmachen, und meine Seele jauchzte! - Ungezählte Städte brachten das Stück - sehr spät kam erst Berlin! und auch dort zunächst durch eine Veranstaltung der .... Berliner Sezession! Dies freundliche Interesse der Berliner Malerkreise hatte in der Presse amüsante Folgen, indem die für Gemäldeausstellungen zuständigen Referenten zu dieser Veranstaltung eingeladen worden waren, was begreiflicherweise "eigenartige" Besprechungen ergab! So schrieb eine der größten Berliner Zeitungen, man wäre enttäuscht gewesen, dass die Vorführenden nicht im Kostüm erschienen und keinerlei Tänze gebracht worden wären!
In idealer Zusammenarbeit von Dichter und Musiker entstand die "'Liebesmesse", Gedicht für ein Chorwerk von Will Vesper. In vielen schönen Wanderungen durchs Isartal besprachen wir die Einzelheiten, -Vesper dichtete einige Verse, ich spielte sie ihm vor, - er regte mich, ich ihn an und so wuchs allmählich dies Werk heran, das dann Hans Pfitzner in Strassburg zu einer beglückenden Taufe führte. Es war im Jahre 1915 und noch bis in die ersten Wochen des Ersten Weltkrieges erhielt ich immer wieder köstlichste Gänseleberkompositionen von Straßburger Begeisterten zugeschickt! -
Als Interpret sei als Dirigent, Solist, Begleiter oder Kammermusikspieler hatte ich in München, und von München aus reiches Betätigungsfeld. Ich war Dirigent des „Neuen Orchestervereines", eine Vereinigung von erstaunlich gut spielenden Ärzten, Offizieren, Beamte, Malern etc. - Es war eine Lust, die berühmten Frauen- oder Männerärzte, Juristen, Portrait: und Landschaftsmaler ui “Dirigieren”!, denn sie selbst hatten die größte Lust, nach des Tages Last und Mühe sich in selten gehörte Werke zu vertiefen. Wir brachten in Konzerten nicht nur Leckerbissen von Berlioz, Debussy, Grainger, Thuille, Schillings, R. Strauß, Pfitzner u.a., sondern hatten auch noch manchem jungen Komponisten die Öffentlichkeit erobert. Nach jeder Probe gab es noch ausgiebigen Nach- und Nachttrunk mit dem dazugehörigen "Würsteln" -und viel reizender Scherz und Schabernak wurde getrieben. (Der erste "Kontrabassist" des neuen Orchestervereins - ein berühmter Urologe -) hat ein ausführliches, entzückendes Münchener Buch geschrieben, indem auch manche der Späße erzählt sind, die um und in dem Neuen. Orchesterverein spielten, - ich kann deshalb hier darauf verzichten.
Das Wichtigste für mich war ja auch, ganz mitten in der Orchestererziehungsarbeit sitzen zu müssen und zu können; - und durch diese Praxis - in begreiflicher Weise doch manchmal etwas sprödem Stoff - erschlossen sich mir manche Klanggeheimnisse, die mir vielleicht bei der Selbstverständlichkeit technischen Könnens eines Berufsorchesters verschlossen geblieben wären. So hatte denn auch der Orchestererzieher seinen Vorteil, von dem ich dann später in Würzburg allerhand Zinsen einziehen konnte.

Eines merkwürdigen Angebots muss ich noch gedenken, weil Umstände, Schwierigkeit des Stoffes und die fast unmöglich kleine Frist, die mir zur Arbeit gegeben war, wohl Anreiz genug brachten. Es handelte sich um eine große Pantomime "Esther“, die mit allerersten Schauspielern und Tänzerinnen in Circus Krone gebracht werden sollte, und es fehlte an einer eigens dazu geschaffenen Musik. Die Veranstalter hatten ihr Manuskript schon verschiedenen Komponisten - Größen angeboten, - jeder der Meister behielt es längere Zeit, um dann doch in vorletzter und letzter Stunde abzugehen. Schließlich blieben noch 24 Tage!! und nun sollte ich mich entscheiden. Es waren l 1/2 bis 2 Stunden fortlaufende Musikstücke, Zwischenspiele, Chöre etc. zu schreiben, und einzustudieren!
Ich überlegte, - machte mir einen "Organisationsplan" - (denn ohne "Mitarbeit" Helfender war gar nicht daran zu denken, Partitur, Stimmen und Klavierauszug in der lächerlich kurzen Zeit fertigzustellen). Ich sagte also zu und bat einige Kompositionsschüler und -schülerinnen um Hilfe und nachdem ich einige Tage vorgearbeitet hatte, um auch den anderen Stoff - und Arbeitsbeispiele geben zu können, ging Nachmittag, abends und nachts die "Gemeinschaftsarbeit" los. Ich gab z. Bsp. einem Helfer eine Partitur mit 1o bis 2o Seiten, er hatte die Aufgabe dasselbe Stück in einer anderen Tonart zu bringen, mit bewegter Begleitung! Ein anderer musste ein Zwischenspiel nun nur für Streicher setzen, - oder ein a capella-Chor mit Orchesterbegleitung versehen. Eine Reprise musste ausgeschrieben werden, u.s.w. usw.! War ein Stück fertig, wurde es in den Gesamtplan ziffernmässig eingefügt, und die Kollegen oder Kolleginnen, die schön und deutlich schreiben konnten, mussten Stimmen herausschreiben! (Zwischendurch gab es Kaffee und Kuchen, Abendessen und nachts Bowle mit belegten Broten - die "Fabrik" war auf fünf verschiedene Zimmer verteilt, und die Arbeit ging mit Dampf! - es wurde unendlich viel geraucht!!)
Da der Szenenwechsel (im Circus) nur durch Dunkelmachen, bzw. die neue Szene durch Hellwerden ermöglicht werden konnte, gab mir das, damals noch, zischende, spritzende Geräusch der aufflammenden Bogenlampen interessante Anregungen in Bezug auf Einfälle und Instrumentation der betreffenden Stellen. - Schließlich musste ich durch Wiederholungs- oder Strichmöglichkeiten die ganze Musik auf Gummiart einrichten für all die Fälle, wo die Pantomime früher oder später fertig werden sollte, wo der Szenenwechsel mehr oder weniger Zeit brauchte als man so - ohne Proben - vorausgesehen hatte!-
Nun: unsere Arbeit klappte, wir waren zur verabredeten Zeit fertig und die drei Gesamtproben konnten beginnen. Eine war von 11 Uhr  bis 6 Uhr nachmittags, - dann Pause bis 1o Uhr nachts, dann von 1o Uhr nachts bis morgens früh 6 Uhr!! - schließlich die (öffentliche!) Hauptprobe von abends 6 - bis wieder um 5 Uhr morgens! - Als ich nach dieser nach Hause taumelte, hatte ich mich zweimal verlaufen! fand meine Wohnung nicht! - außerdem war ich stockheiser durch das Schreien in dem stauberfüllten Circusraum.
Es war ziemlich hoch gewettet worden, ich würde nicht fertig werden und müsste eine sehr hohe Konventionalstrafe zahlen! Aber allen "freundlichen Gesinnungsgenossen" zum Trotz klappte doch alles, und das Dirigieren war in Bezug auf das Einrenken auf das Vorausfühlen, wie lange noch dies oder jenes dauern würde etc. etc., ein reizvolles Kunststück für sich! -
Nun ist nichts so peinlich, als wenn einem eine große Schadenfreude, mit der man sicher gerechnet hat, vereitelt wird. So geschah es diesmal auch wieder einigen lieben "Kollegen" - und es kam schließlich zu einem Presseskandal, ich musste Klagen, bekam allerdings vollständig Recht, der Verleumder verlor Prozeß und Stellung!! Aber meine Münchener Uhr stand "kurz vor 12 !"

Gar mancher Künstler hat es in München erlebt: es geht alles gut, so lange gute Freunde einem unter den Arm nehmen, einem wirklich wohlwollend und hilfsbeflissen auf die Schaltern klopfen können, - aber wehe! - wenn einer zu selbständig wird! Dann geht's noch allenfalls, wenn er einen ausgedehnten Frühschoppen-Cafe=tarock- und Abendschoppenkreis hat, wenn er (als "Ausländer" namentlich) eingesessene "Spezeln" hat, - aber sonst gibt's eine "Hetz", die wie ich mir habe sagen lassen, noch viel ärger in Wien sein soll. - Aber auch das Münchener "Des gibt's fei net!" hat Schwungkraft, findet Maulwurfsgänge und überraschende Ausfallstore und so hatte bald mein Stündlein geschlagen. Ich habe es damals oft (zu oft!) gesagt: München ist die Stadt, die ich am meisten liebe und hasse; und wer damals meinen Hass erlebt hat, der kann erst beurteilen, wie sehr ich München geliebt habe, - und noch liebe! -

So nahm ich denn das Angebot, als Direktor an die Musikschule nach Würzburg zu gehen, an und fuhr bald an des Maines Strand, um zu sehen, wie, wo und was. -
Es war ein verregneter Sommertag, als ich in Würzburg ankam; ich mußte ein paar Stunden mittags herumbummeln, ehe ich mit dem damaligen Oberbürgermeister sprechen konnte; suchte ein Cafe mit Billard - nirgends etwas zu finden; endlich zeigte man mir eins, - ich wußte nicht, was schrecklicher war: der Kaffee, das Lokal oder das Billard. Oh, überhaupt, der Schritt, der Sprung von München nach Würzburg! ...
Dann kam die Unterredung mit dem Oberhaupt der Stadt - das Ergebnis war zweifelsvoll, ich war eigentlich entschlossen in München zu bleiben. - da hellte sich der Himmel auf, - ich entdeckte die Altstadt mit ihren Köstlichkeiten, landete am Dom - und hörte wunderschönes Orchesterspiel aus einem Gebäude, aus dessen geöffneten Fenstern reizende junge Menschen herausschauten, ich fragte jemanden, was das für ein Haus, für ein Saal sei, wo da solche Klänge herkamen - "Das ist die Musikschule!!" Und jetzt stand es fest bei mir, ich hatte mich für Würzburg entschieden und landete nach wenigen Wochen im Herbst 192o, - und fing an!-

Zunächst war ich ganz allein, kannte niemanden; mein Vorgänger war "böse" auf mich, weil ich überhaupt gekommen war, so dass ich meine Bitte um freundliche Hilfe beim "Einarbeiten" gar nicht anbringen konnte! Durch Aktenberge, Verordnungsschluchten und Paragraphenzäune versuchte ich in das eigentliche Innere der (früher königlichen) Musikschule zu gelingen, und fühlte mich schrecklich einsam! Ich wohnte am Main in einem reizendgelegenen Hotel ging aber vor den Hühnern zu Bett und hatte das heulende Elend. -
Da wurde ich eines Abends (im Nachtgewand) ans Telefon gerufen, ein Kunstmaler aus München (der erste Oboist des Neuen Orchestervereins) wollte mich sprechen und bat mich, doch zu ihm zu kommen, er sei bei entzückenden Würzburger Freunden, es sei so lustig, und ich fehlte eigentlich noch. Schnell zog ich mich wieder an, liess einen Zweispänner herbeitelefonieren, um den Zeitverlust wieder einholen zu können, da ich auch nicht wusste, wie weit weg von meinem Hotel die Würzburger Freunde wohnten. Als ich dem Kutscher die Adresse sagte, schaute er mich merkwürdig blinzelnd an, ich rechnete mit einer langen komplizierten Fahrt und mir bangte vor dem Rückwege Kaum hatte ich mich bequem zurückgesetzt, als das stolze Gefährt schon hielt und der Kutscher lachend bemerkte: "Mir sin' schon da!" und es gab allgemeines Halloh und Gelächter, weil ich für den zwei bis drei Minuten langen Weg einen Zweispänner bemüht hatte. Der Abend, - die Nacht war lang und sehr lustig und ich machte meine erste etwas zaghafte Bekanntschaft mit den Bocksbeuteln - ich fing an Würzburger zu werden! -
Bald begannen die Aufnahmeprüfungen und der ganze Schulbetrieb, und es war nicht leicht, all den Forderungen auch der Verwaltung gerecht zu werden. - Mein Vorgänger im Amte wurde Musikkritiker! an einer Würzburger Zeitung und erleichterte mir das Leben nicht! Es war ein schwerer Anfang, um so mehr, als seltsame Verwehungen von dem Münchener Presseprozeß als gelegentliche kalte Niederschläge in Würzburg auf mein Haupt niederprasselten. -
Aber: nach eine; Jahr eröffnete ich in der Residenz (1921) das erste Mozartfest - und ein Vierteljahrhundert versuchte ich, dem Würzburger Musikleben zu helfen und zu dienen. –

Damit bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner skizzenhaften Aufzeichnung.

Ich könnte mir denken, dass man folgende Frage stellt: "Sie haben soviel in Ihrer Musik über "Liebe" gesungen: Dehmel-Zyklus, Hölderlin-Zyklus, die "Liebesmesse", Goethelieder, Eichendorfflieder usw. - sicher hat doch Eros bei manchen von Ihren Werken Pate gestanden? Warum erfahren wir da nichts, wo es doch sicher allerlei zu erzählen gibt??" -
Gewiss hätte ich gar manches zu melden von Lust und Leid, von Wonne und Weh... aber ich glaube, ich habe das schon in meiner Musik in besserer Form getan, als ich es in Prosa hätte niederschreiben können. Wenn schon die Sprache - wie wohl Talleyrand es gesagt hat - dem Menschen gegeben ist, um seine Gedanken zu verbergen, so gestattet die Musik dem Musiker, unverhüllt sein ganzes Herz auszuschütten und Jeder kann hören, ... was er zu hören vermag! -
Meine Musik aber ist mein unbegrenzter Dank für alle Höhen und Tiefen, die ich in Leben durchschreiten durfte.

Noch atme ich, - und da ich hier ja keine Melodien geben kann, schreibe ich das Leitwort nieder, das Richard Dehmel seinem Gedichtband "Aber die Liebe" vor angesetzt hat, und das zu Beginn meines "Dehmel-Zyklus" steht:

      In allen Tiefen musst
      du dich prüfen,
      zu deinen Zielen
      dich klar zu fühlen.
      Aber die Liebe
      ist das Trübe.
      Jedweder Nachen,
      drin Sehnsucht sinkt,
      ist auch der Rachen,
      der sie verschlingt.
      Aber ob rings von Zähnen umgiert,
      das Leben sitzt und jubiliert:
      L i e b e! -

"Wie ich wurde" - anzudeuten, war meine Absicht.
"Wie ich wurde" zu beschreiben, ist dann Aufgabe der Anderen. -

Würzburg, den 15. Februar 1946

              Dr. Hermann Zilcher

nach oben

Inhalt © by Birgit Klubertanz  2004-09   webdesign © Michael Klubertanz 2004-09

Signatur

Home

Biographie

Stammbaum

Werke

Galerie

Aktuell

Aufnahmen

Noten / CDs / Literatur

Kontakt

Downloads

email