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Hermann Zilcher - Selbstbiographie lang
Außer der
nachstehenden langen Selbstbiographie haben Sie hier auch
Zugriff auf
einen tabellarischen Lebenslauf,
sowie eine ausführliche
Biographie und Zilchers
Selbstbiografie in kurzer
Fassung.
Eine genealogische Übersicht bietet der Stammbaum.
Aus
Hermann Zilchers handgeschriebener Biographie für seine
Kinder
“Wie ich wurde” (1946)
Lieber Hermann Z
dieses
Buch soll das erste Exemplar Deiner ersten
„Lebensbeschreibung"
enthalten. Was gut und was schlecht darin geraten sein mag, soll alles
nur der Ausdruck meiner unbegrenzten Dankbarkeit und Verehrung
für Dich
sein - einer Art von Schuld also, die ich durch dieses Buch zu einem
kleinen Teile abzutragen beginnen möchte - zum
größeren aber
hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit und in einer uns beiden
erfreulicheren Form!
"Diese Feststellung
möge gleichermaßen als Erklärung, wie als
Entschuldigung gelten.“
Opp.
Am Tage Deines
neununddreißigsten
"Wiegenfestes!"
Berchtesgaden - Schönau.
Die umstehenden
Zeilen sollten der Anfang einer Lebensbeschreibung sein, die
Kapellmeister Hans Oppenheim
dann verwirklicht und veröffentlicht hat in der Reihe:
Zeitgenössische
Komponisten, herausgegeben von H.W. von Waltershausen, im
Dreimasken-Verlag, München, 1921. -
H. Oppenheim wollte
diese, handschriftlich auf diesen Blättern nun geben; es ist
nicht mehr dazu gekommen.
Es sind nun 25 Jahre ins Land gegangen -es ist allerlei innen und
außen geschehen; ich bin jetzt im 65sten Lebensjahr. -
Durch
die Ereignisse des II. Weltkrieges nun bin ich zu einer gewissen
beruflichen Ruhe verdammt: ich bin meiner Stellung enthoben, habe noch
keine Genehmigung der amerikanischen Militärregierung, Stunden
zu
geben, Privat- oder andere Konzerte zu veranstalten. Mir sind u.a.
sämtliche Klaviernoten weggenommen worden, zwei
Flügel wurden
requiriert, alle sonstigen Instrumente sind entweder gestohlen oder
zerstört worden (drei Handharmonika's, eine Geige, ein Cello)
- somit
ist Gelegenheit, zurückzudenken. -
Das
Oppenheim'sche Buch schließt ab mit meiner Berufung als
Direktor an das
Staatskonservatorium der Musik in Würzburg, - im Jahre 192o.-
25
Jahre habe ich in und für Würzburg gearbeitet, - und
im Augenblick
schaut es so aus, als ob das Endergebnis meiner Tätigkeit eine
Zwangsevakuierung nach "irgendwohin" sein sollte! -
Noch sitze ich aber unter eignem Dach und will versuchen in die
Scheunen zu bringen, was irgend noch geht. -
Die
Zeit von 192o - 1945 war beruflich sehr ergiebig; doch scheinen in
absehbarer Zeit die Umstände nicht geeignet zu sein, da
fortzusetzen,
wo Oppenheim aufgehört hatte. Oppenheim schloß zwar:
"Die
Persönlichkeit Zilchers wird inzwischen weiter ihren Weg
gehen,
unbekümmert um Ablehnung oder hartnäckigste, mit
allen Mitteln
kämpfende Gegnerschaft - ihren Weg, auf dem eine
spätere Zeit williger
vielleicht folgen wird." -
Ich kann es nicht für meine Aufgabe
halten, meine Arbeit der letzten 25 Jahre zu beschreiben, selbst wenn
keine Gegnerschaft da wäre, die mit allen Mitteln
kämpft! Wohl aber ist
vielleicht meinen Kindern und einigen Freunden eine allgemeine
Rückschau von Interesse.
Der
Blick nach außen sieht fast nur Trümmer,
Gräuel, Entsetzen und Tod, und
ihm gähnen ungezählte Sorgen und Fragezeichen
entgegen; -
Deshalb
ist eine Innen=schau nach meiner frühesten Vergangenheit
vielleicht
eine Art Trost. („ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben
werden
kann") Aber ich will nicht nur mir helfen, sondern anderen
erzählen,
was ich mehr oder weniger deutlich als "baustein-wichtig" empfunden
hatte; und dieses Erinnern sei gewagt, - ehe - auch da noch Vieles
verschüttet werden kann. So will ich es denn versuchen, in
einigen
kleinen Skizzen niederzuschreiben
"Wie
ich wurde"
Etwa
dreieinhalb Jahre alt, oder etwas älter, muß ich
gewesen sein, als ich
mit einem etwas älteren Spielgenossen im Garten die
großen, weißen
Gewitterwolken angeschaut habe. Wir sprachen davon, wie groß
wohl der
liebe Gott wäre. Mein Freund meint, so groß wie alle
Häuser zusammen;
ich glaubte, er wäre noch
größer wie all’ die Wolken, was mein
Spielkamerad bestritt. - Wir wurden nicht einig, aber dieser Sommertag
ist meine älteste Erinnerung. Entstanden waren solche
Gespräche aus der
bei mir immer größer werdenden Angst, meiner Mutter
könne (wenn sie zum
Einkaufen in die Stadt ging) etwas passiert sein. - Mich
quälte schon
sehr früh eine wilde Phantasie im Ausdenken von allen
möglichen und
unmöglichen Unglücksfällen. Es war nun die
Frage, ob der liebe Gott
solcherlei verhindern, oder gar veranlassen könne.
"Der gesunde
Kinderschlaf hilft über solche Zeiten hinweg" - sagt man wohl.
Wie
war's aber manchmal mit dem Einschlafen? Wenn ich ganz weit
zurückdenke, hörten damals meine kleinen aber
scharfen Ohren Weinen der
Mutter, Schelten des Vaters, der sich tagsüber mit (oft 11!)
Klavierstunden plagte... Allerdings manchmal - viel zu selten! -
bekamen meine Ohren wundervollen Schmaus = da wurde Klavier und
Violine, oder gar Klavier, Violine und
Ce11o
gespielt, - da war vom Einschlafen natürlich erst recht keine
Rede.
Nicht nur in Erinnerung an solche Festabende, sondern auch "aus mir
heraus" mußte ich immer häufiger beim Einschlafen
vor mich hinsummen,
was dann oft Verweise und Befehle zum "sofortigen Einschlafen!" gab. -
Am
besten ging das Einschlafen mit ... Daumenlutschen!, welchem Laster
(Laster?) ich noch bis in die ersten Schuljahre hinein
fröhnte!
Natürlich kämpften meine Eltern heftig gegen diese
Angewohnheit; aber
alles Spotten half nichts; auch die Zunahme an Weisheit und Verstand
war machtlos. Im Gegenteil: Die Bücher zum Betrachten und
Lesen
eigneten sich besonders gut als "spanische Wand" vor's Daumenlutschen.
Eines
Tages aber wurde scharfes Geschütz der Erziehung abgefeuert.
Eine zu
Besuch weilende Tante erzählte, daß der kleine sonst
so nette Junge
X.Y. (der das Daumenlutschen auch nicht lassen konnte!) nun an einer
schrecklichen Krankheit leide. Das Fleisch am Daumen solle sich
langsam, aber sehr schmerzhaft abgelöst haben, und nun
stünden
(entsetzlich!) die nackten, zerfressenen Daumenknochen soo in die Luft!
- Ich saß während der Erzählung in einer
Zimmerecke, las ein Buch, und
hinter dem Buch! ....
Meine Eltern warteten vergebens auf einen
pädagogischen Erfolg. Nur fiel meiner Mutter auf,
daß ich vorm
Bettgehen mir immer ein Taschentuch holte und mit dem Gesicht gegen die
Wand mich legte. Nach einigen Tagen entdeckte sie dann, daß
ich
unentwegt im Bett lutschte, aber meinen Daumen dick mit dem Taschentuch
umwickelt hatte! -
Bald
wurde mein Interesse für die Klavierstunden, die mein Vater zu
Hause
gab, offensichtlicher. Eines Tages behauptete ich, vom Nebenzimmer aus
zuhörend, -: "Der spielt ja heut' seine Übung auf den
schwarzen Tasten!" Oder ich konnte einzelne
Töne nach der Stellung der Goldbuchstaben auf dem Klavier
beschreiben und heraushören. (Die Namen
der Töne kannte ich ja noch nicht!). Jedenfalls konnte sehr
früh
festgestellt und erprobt werden, daß ich das absolute
Tonbewußtsein
hatte.
Dann reizte es mich schon damals, mit dem (mir selbst auffallenden)
sicheren Gefühl für die Zeitdauer
eines Musikstückes zu spielen. So sagte ich z.B. meiner
Mutter, wenn Jemand im Nebenzimmer etwas mir Bekanntes spielte: "Wenn der
den Anfang (den I. Teil einer Sonate etwa) wiederholt, dann kann ich
von unserer Wohnung im III. Stock bis herunter in den Garten laufen, -
einmal um den Rasen herum, - und bin bequem zu den
Schlußakkorden
wieder oben!" –
Solche und ähnliche Experimente habe ich immer
auch später wieder gemacht; so etwa als Schüler und
Solist im
Konservatorium bei Klavierkonzerten während der
Orchestertutti's
wegzugehen, und eben gerade pünktlich beim Wiedereintritt des
Solos zu
erscheinen! - (Beim Komponieren von Bühnenmusiken, oder
Pantomimen
erwies sich dieser sichere Sinn für den Zeitverlauf dann in
Zukunft als
sehr nützlich.)
Diese Begabung hängt wohl mit dem Sinn für
Rhythmus zusammen. Ob sie sich genau mit diesem deckt? oder eine
Steigerung desselben bedeutet?? Betonen möchte ich noch,
daß der Reiz
dieser Spielerei für mich darin bestand, nicht etwa
die Musik innerlich weiter zu spielen, sondern sie
gewissermaßen beim Weggehen "abzuschalten", und allein
(ohne mich - d.h. ohne mein Bewußtsein) weiter laufen zu
lassen, was
ein sehr eigenartiges Gefühl (in der Sonnengeflechtgegend?)
war und
auch heute noch ist.
Daß
ich gelegentlich immer wieder allerlei Getön, wie Glocken,
Gläser,
Lokomotivpfeifen, Papierrollen, Schalen etc. auf dem Klavier genau
angeben mußte, fand ich lächerlich, weil's doch "gar
keine Kunst war!".
-
Ernsthafter wurde dies alles, als ich an meinem fünften
Geburtstag
von meinem Vater die erste Klavierstunde bekam. Mit Ausnahme der Ferien
gab es nun bis zu meinem Eintritt ins Konservatorium mit unerbittlicher
Strenge und Regelmäßigkeit wöchentlich 2
Klavierstunden, deren letzte
Viertelstunde bald nur zum Vomblatt-Spielen benutzt wurde. Ich kann
meinem Vater nicht dankbar genug sein, daß er neben seinen
pianistischen Anweisungen so auf das Blattspielen drang. (Er hat
übrigens in rührender Genauigkeit ein Tagebuch
über mich von meinem
ersten Lebenstag an geführt, - und alle Kompositionsversuche
und
Kompositionen von mir aufgeschrieben, bis ich selbst Noten malen
konnte. - So gab es, als ich ins Konservatorium eintrat über
1oo
Klavierstücke, darunter auch Violinsonaten, Variationen- und
Chorwerke
etc. Niemals aber hat mein Vater an meinen
Kompositionen etwas korrigiert! so daß ich darin also quasi
ganz wild aufgewachsen bin.)
Mein
Vater war in seinen Klavierstunden und bei mir sehr streng; er klagte
dann oft, daß ich mit so wenig Ausdruck spielte! Wenn ich
mich
unbeobachtet glaubte, oder vor anderen Leuten spielen mußte,
ging's
viel besser ("also kann er's doch, wenn er nur will!"...) Ich freute
mich aber immer sehr, vor Fremden zu spielen, was ziemlich oft geschah,
da mein Vater in gelegentlichen sonntäglichen Matineen seine
sämtlichen
Schüler vor ihren Eltern und Bekannten vorspielen
ließ.
Schwierig
wurde meine Stellung dann in der Schule. Meine "Sonderbegabung" ist
bald aufgekommen, aber mehr durch Redereien der Kameraden, als eher
durch Beobachtungen des Singlehrers. Im Gegenteil: Bei einstimmigem
Chorsingen machte es mir Spaß, allerlei zweite Stimmen
dazuzukontrapunktieren. "Der singt ja ganz falsch“ riefen
einige
Jungens. Der Lehrer kam in meine Nähe, - ich wußte
nun genau, wie ich
zu singen hätte, um nicht aufzufallen! Aber nun gerade!,
der
Lehrer mußte doch merken, daß das nicht falsch,
sondern besonders
richtig war! Leider war aber der Lehrer ziemlich ahnungslos, und ich
bekam - sehr zum Erstaunen meiner Eltern! - in meinen ersten Zeugnissen
schlechte Noten im Singen.
Bis es einen Maiausflug gab, bei dem auch
andere Lehrer mitgingen. Hier nun probierte ich es noch einmal, hielt
mich bei einem Marschlied in der Nähe der anderen Lehrer und
kontrapunktierte fröhlich drauf los. - Da platzte die Bombe:
die Lehrer
stritten sich über mein musikalisch-sein immer heftiger und
einer von
ihnen bat mich, ihn einmal zu besuchen. Ich spielte ihm ein eigenes
Klavierstück vor (widmete es ihm!) und das Erstaunen war
groß. Aber
merkwürdig, die Schlacht war nicht etwa gewonnen, sondern der
Kleinkrieg ging erst recht los. In - mir heute noch unbegreiflicher
Weise -wurde ich nun von fast allen "Erziehern" bei passenden und
unpassenden Gelegenheiten mit meiner Musik gehänselt und
verhöhnt.
"Unser Drehorgelspieler" "Gesangvereinsdirektor" u.a. hieß es
"wenn Du
'mal später ein Lied komponieren kannst, so schön wie
"ich weiß nicht,
was soll es bedeuten", dann bekommst Du von mir eine Apfelsine
gekauft!” - jubelndes Gelächter der Klasse. (Aber
schwierigere Choräle,
die der Chorlehrer nicht mehrstimmig spielen konnte, durfte ich oft
vor-harmonisieren!)
Im
allgemeinen war ich kein schlechter Schüler; nur fiel mir oft
das
Aufpassen schwer, es hieß dann "Zilcher ist wieder irgendwo
anders,
wahrscheinlich komponiert er!" - und das war ganz richtig vermutet. In
diese Zeit fielen merkwürdige Vorgänge bei meinem
Komponieren. Im
allgemeinen gefielen lustigere Stücke (Humoresken, Capriccio's
u.
dergl.) im Kreise der Verwandten und Bekonnten besser, als ernstere.
Mir aber sagten meine ernsteren Sachen viel mehr zu. Nur wollten diese
sich nicht so leicht einstellen; große
äußere tragische Erlebnisse
waren ja wohl auch nicht da, obwohl es allerlei gab, was mich sehr
ergriff .- Mir fiel auf, daß mir am besten gehaltvollere
Stücke
gelangen, wenn ich mir vor der Zeit des
Komponierens allerlei
unglückliche Erlebnisse oder Gesichter (!) vorstellte. Oder
ich ging,
heimlich in die - nur bei Feiertagen benutzte - "gute Stube", setzte
mich in einen Sessel, und betrachtete den Lüster mit seinen
goldnen
Kuppeln und Kerzen, was mich an die Kirche erinnerte. (Da ich vor
meinem Konfirmationsunterricht vom Elternhaus nie sonderlich angehalten
worden bin, in die Kirche zu gehen, oder zu beten, lag in dieser Art
Sehnsucht wohl irgend etwas Geheimnisvolles, das mich in
seltsam-erregte Schaffenslaune brachte.)
Bald
genügte aber auch das "gute Zimmer" nicht mehr, - und am
schnellsten
und ernstesten war ich zum Komponieren vorbereitet, wenn ich mir
(seltsam genug!) in den Arm biß, oder mir sonst irgendwie
sehr weh tat,
so daß ich weinen mußte; und nun hatten die
"Resonanzen", die "Lieder
ohne Worte" oder das Thema von Variationen die
Stimmung, die mir dunkel vorgeschwebt hatte. –
Dieser "masochistische" Zustand dauerte aber nicht lange, verlor ich
ebenso schnell und geheimnisvoll, wie er gekommen war.
Mit
dem Komponieren war es aber auch sonst eine eigene Sache. Von meinem
Vater aus hieß es: "vor allem ist Klavier zu üben!
Komponieren kannst
Du später noch genug!" Und mir behagten
naturgemäß meine Phantasien
mehr als Etüden und Fingerübungen. (Daß
mein Vater schwere Sorgen nach
der Gelderwerbseite hin hatte, begriff ich später erst.)
Es mögen
auch ähnliche erzieherische Gründe gewesen sein, die
meine Mutter
zwangen, immer häufiger es abzulehnen, wenn ich ihr "neue
Sachen"
vorspielen wollte. Auf der anderen Seite mußte ich aber
Freunden immer
wieder meine Kompositionen vorspielen!, wobei es Lob und Anerkennung
gab, was aber stets von meinem Vater abgebogen oder verkleinert wurde.
(Diesen ängstlichen, zurückhaltenden Standpunkt nahm
er noch bis in
sein späteres Alter mir gegenüber ein!)
So wurde ich halt immer
einsamer, und auch "fremd" im Elternhaus. Dabei war ich sehr
zärtlich
veranlagt, konnte kaum mit anderen spazierengehen, ohne Heimweh zu
haben! -
Wie schon
erwähnt, hatte ich keine religiöse Hilfe. In der
Schule verstand ich
zunächst das Hochdeutsche oder Bibeldeutsche oft
überhaupt nicht, oder
falsch. - Am Anfang "schuf" Gott Himmel und Erde... ja, was ist denn
"schuf"??? Ich stellte mir einen Schuh vor, aus dem
große weiße
Wolken und grüne Berge herausquollen. - Der
"Schöpfer" war für mich
halt der Wassereimer in der Küche, - nur riesengroß,
und aus diesem
ergossen sich alle Dinge der Schöpfungsgeschichte. Als wir in
der
Schule gefragt wurden, wer zu Hause nicht bete;
mußte ich mich (mit noch verschiedenen) melden, und kam mir
"schlechter angezogen" vor, wie die Andern.
Und jetzt
betete ich, wie wir's in der Schule gelehrt bekamen, und
selbstverständlich versuchte ich bald die Wirkung der Gebete
zu
kontrollieren.
Um das bisher Versäumte nachzuholen, - betete ich
immer länger, - und unbequemer! Wollten mir die Augen
zufallen, dann
zwang ich mir nun erst recht, noch zehnmal das Vater-unser zu beten.
Taten mir die Kniee weh, so war's noch schmerzhafter, sich auf die
Bettkante zu knieen und dergl. mehr. Ja, im Winter zog ich manchmal das
Hemd aus, machte das Fenster auf, bis ich vor Kälte kaum mehr
meine
Hände falten konnte.
Das Gebet war meine einzige Hoffnung. Als ich
einmal von Kameraden zu unrecht eines Obstdiebstahls
verdächtigt wurde,
glaubten meine Eltern mir und meinen Beteuerungen nicht, obwohl sie
wissen mußten, daß ich mir gar nichts (auch heute
noch nicht!) aus Obst
machte. Ich betete innigst, daß doch wenigstens meine Mutter
mir
glauben möchte, - vergebens!. - Auch hier waren die in ihrer
inneren
Haltung sehr verschiedenen Lehrer nicht dazu angetan, einem
Knabengemüt
zu helfen. (Der eine Religionslehrer war bigott, der andere ironisch =
liberal usw.)
So erinnere ich mich einer Szene (einer von vielen),
die dadurch entstand, daß ein "strebsamer" Schüler
in der Physikstunde,
vor der er Angst hatte, auffällig viele fromme Bücher
auf seinen Tisch
legte. Der Lehrer fragte den Schüler irgend etwas, was dieser
nicht
beantworten konnte, und nun ging der Gestrenge auf die Bank zu., -
beschnüffelte grinsend die Bibel, Gesangbücher,
Katechismen etc, die da
aufgestapelt lagen und sagte: "Mit dene
Bücher kommst Du vielleicht einmal in den
Himmel, - aber die Secunda niemals!" -
So
lag es nahe, mit dem Gebet zu experimentieren. Daß der liebe
Gott nicht
ohne weiteres - die Schularbeiten durch einen Brand etwa vernichten
würde, dachte ich mir schon. Aber ein Zeichen, gelegentlich
einmal ein
Zeichen, daß mein Gebet erhört worden, sei, - das
müßte doch eigentlich
möglich sein. Ich betete, daß ein bestimmter Stern
sich bewegen oder
auslöschen sollte, - ein Radfahrer auf die andere Seite fahren
würde, -
alles erfolglos. Schließlich bei einem Gewitter erflehte ich,
daß der
Blitz ganz in der Nähe einschlüge- ja, in meiner
Verzweiflung rief ich
Gott in immer heftigeren Worten, ja schließlich in gemeinen
Schimpfworten an, - entblößte meine Brust: "Hier,
-strafe mich!!" - Das
Gewitter zog ab, nichts geschah; und das Leben ging weiter in seinem
gerechten und ungerechten Verlauf.
Da
traf ich eines Tages auf dem Schulweg ein etwa gleichaltriges
Mädchen
(eine sehr entfernte Cousine von mir); sie trug eine
entzückende
Hermelinmütze, und die erste richtige (?) Liebe war da!
-Wochenlang war
nun meine Seligkeit, auf dem anderen Trottoir parallel mit ihr zu
gehen, und schließlich mutig den Hut zu ziehen! - sie
verschwand
lächelnd um die Ecke und ich mußte schleunigst nach
Hause sausen. Nach
schweren inneren Kämpfen wagte ich es endlich, sie einmal
anzusprechen,
und sie zu fragen, ob ich sie ein Stückchen begleiten
dürfe. Dies wurde
genehmigt "aber nur bis zur Ecke meiner
Straße!" Und wieder
einige Wochen später überreichte ich kleine, von mir
gemalte
Aquarellbildchen, und wurde dann wohl auch einige Male aufgefordert,
mit zu ihren Eltern zu kommen! - Was waren das für erregende
Zeiten, -
und das, was ich "erreichte", war - gelegentlich - ein freundliches
Handgeben!
Etwas
erfolgreicher, aber kürzer war das "nächste
Glück", das ich an zwei
Sonntagen mit der ersten Luftschifferin und
Fallschirmabsturzkünstlerin
mit dem schönen Namen "Miss Polly" hatte. - In einem
benachbarten
großen Wirtsgarten gab es seltsame Vorbereitungen zum
Ballonaufstieg;
und die schöne, blonde etwas üppige Miss Polly
hantierte an allerlei
Apparaten herum. Jetzt oder nie - dachte ich, wagte mich in den
abgesperrten Kreis, und fragte, ob ich helfen dürfe!
Erstauntes
Gesicht, aber es hieß dann: "Ja, meinetwegen!" und ich durfte
den
Ballon mit einem erstaunlich kleinen Drehapparat einstweilen mit Luft
auffüllen, damit er nicht ganz flach auf dem Boden lag, und
(so hatte
ich's wenigstens verstanden) später das heftig
einströmende Gas die
Hülle nicht verletzte. - Gottseidank war schlechtes Wetter,
der
Aufstieg wurde acht Tage verschoben. Ich sammelte alles gesparte
Taschengeld (25 Pfennige pro Woche!), klebte einige Dutzend Fallschirme
aus (natürlich rosa!) Seidenpapier, kaufte ein
Veilchensträußchen und
überreichte am nächsten Sonntag-Vormittag Blumen und
Fallschirme. Noch
größeres Erstaunen, und ich mußte
erklären, was sie mit den
Fallschirmen tun solle, - "ja, ich dachte, aus der Höhe dann
fallen
lassen und das ist dann ... wie ein Gruß von ...
Ihnen!" Und nun
bekam ich einen herzhaften Kuß! Oh, war das schön! -
Nachmittags
erhoffte ich, ich könnte vielleicht einen
programmmäßig herunter
fliegenden Fallschirm ergattern, -aber alles prügelte sich um
die
Dinger, zerriss sie dabei und melancholisch ging ich wieder nach Hause
und sah auch "meine Miss Polly" nie mehr wieder.
Im Verlauf meines
Lebens erfuhr ich übrigens von einer ganzen Anzahl
Männern, daß auch
sie seiner Zeit "Miss Polly" geliebt hätten, und nicht "so
viel"
erreicht hätten, wie ich! -
Scharlach
und die ersten englischen Stunden brachten mich ein kleines
Stückchen
weiter auf den verschlungenen Pfaden ins Land der Liebe.
In unserem
Hause waren vis-á-vis, über uns neue Mieter
eingezogen, ich lag
scharlachkrank einige Wochen in Bett und sah oft sehnsüchtig
hinauf in
den Himmel, und in das Fenster, wo abwechselnd zwei Mädchen
und ihre
Eltern herausschauten. Es wären halbe Engländer aus
dem Orient hieß es,
- und ich fing an, mich der Jüngeren allmählich
bemerkbar zu machen.
Das Grüßen und Winken funktionierte bald ganz gut
und ich konnte kaum
den Tag erwarten, wo ich "sie" begrüßen und sprechen
durfte. Ich hatte
inzwischen in Erfahrung gebracht, daß die Mädels
wohl gut englisch,
aber sonst echt frankfurterisch sprächen. Immerhin nahm ich
meine
allerersten englischen Sprachkenntnisse zusammen, und bei der ersten
Begegnung, - ich traf sie allein, auf der Treppe, - legte ich los: "I
you like" (!) Worauf sie: "Erstens sagt man "I like you!", zweitens
heißt’s "I love you!“.
Beim Versteckenspiel versteckten wir uns bald
zusammen. Mein jüngerer Bruder und die anderen behaupteten
zwar, das
sei Be....trug. Wir Beide aber fanden es viel schöner so, - ja
wir
versteckten uns schließlich sogar ohne Versteckenspiel. -
Wieder gab es
seelische Freuden .... und Leiden; denn der kleine blonde Racker hatte
es sehr bald heraus, daß ich eifersüchtig war. -
In der Zeit meiner
Scharlachquarantäne begann nicht nur der kleine Roman mit der
halben Engländerin aus dem Orient, sondern ich las
auch den ersten größeren Roman: "Soll und Haben" von
Gustav Freytag.
Die Sicherheit, Ironie und der lebendige Geist des "Herrn von Fink"
waren sehr verlockend und nacheifernd. Das Buch wurde mit Lysol
abgewaschen und ich habe noch oft später drin gelesen. Dann
aber taten
es mir im Lauf der Jahre die Bücher von Jules Verne
an! (Aus
Indianergeschichten machte ich mir gar nichts, - auch Carl May
ließ
mich völlig kalt) - Die "guten" klassischen Werke, die die
Schule
brachte und gründlichst durchnahm"... mußte ich alle
erst viel später
zurückgewinnen oder besser gesagt erst überhaupt
richtig kennen lernen.
-
Die Stockwerke
über unserer Wohnung schickten nicht nur freundliche
Liebespfeile,- sondern auch wundersame Musik zu mir
- Engelbert Humperdinck
wohnte direkt über uns und sein Musikzimmer lag genau
über dem meines
Vaters. Humperdinck komponierte damals sein "Hänsel und
Gretel", er
arbeitete sehr langsam am Klavier, und ich drückte oft
viertelstundenlang mein Ohr an die Wand, um den
Märchenklängen zu
lauschen. - Nicht genug damit, ich phantasierte selbst mir allerlei
zusammen aus Hexenritten, Abendsegen, Waldmusiken u. dergl., ohne daran
zu denken, daß diese Klänge ja nun auch wieder nach
oben gehen konnten!
Eines Tages fragte Humperdinck etwas verlegen meinen Vater, warum er
immer wieder sich mit seiner
(Humperdincks) neuen Märchenmusik improvisierend auf dem
Klavier
ergehe. "Das bin nicht ich, sondern mein Bub!", war die Antwort.
Humperdinck war höchlichst erstaunt, daß ein junger
Bursch so
nachspielen könne. Als ich nun wieder einmal nach Herzenslust
über
"Hänsel- und Gretel" paraphrasierte, schellte Humperdinck an
der
Korridortüre, trat wortlos und leise an meiner
öffnenden Mutter vorüber
ins Zimmer und hörte zu, bis ich merkte, daß ich
noch Zuhörer hatte.
Ich hörte natürlich sofort auf und verschwand,
erwischte aber gerade
noch, wie Humperdinck ernst lächelnd sagte: "Den
müssen sie
ausbilden lassen!" Meine Mutter konnte ihm bestätigen,
daß diese
Absicht schon längst bestünde und später, -
in Berlin - als ich bei
Humperdincks eingeladen war, erinnerte er sich, schmunzeln
erzählend,
noch oft dieser meiner Phantasien über seine Melodien.
Bevor ich ins
Konservatorium kam, wollte mein Vater in einem öffentlichen
Konzert unter Beweis stellen, daß auch der Privatlehrer
mit seinen Schülern etwas erreichen kann. Ich spielte Chopin
und eigne
Sachen und erhielt neben sehr freundlichen Kritiken, eine erstaunlich
ablehnende Besprechung in einer viel gelesenen Zeitung.
Mein Vater
fragte mich, ob ich unter diesen Umständen wirklich Musik als
Beruf
erwählen wollte. Meine Antwort war, - und konnte nicht anders
sein:
"Nun erst recht!" -
Ich
wurde im Dr. Hoch´schen Conservatorium angemeldet, - spielte
meinem
Lehrer für Klavier, Prof. James Kwast allerhand vor und dem
Direktor
der Anstalt, Prof. Dr. Bernh. Scholz versetzte ich meine ihm gewidmete
(meine IIte) Klaviersonate in c-moll. Er erklärte gleich:
"Nein, nein -
der braucht’ keine Harmonielehre, keinen Kontrapunkt, das
bringt er ja
Alles mit, - den nehme ich gleich in die Kompositions und
Direktionsklasse!".
Mein Vater bestand aber darauf, daß ich Alles
"von der Pike auf" lernen sollte, und ich bin ihm dankbar,
daß ich
ziemlich lang mit strengen Satz und vielen Regeln und Verboten geplagt
worden bin.
Es war ein freundliches Geschick, daß mir in der
Kompositionslehre zwei gewissermaßen entgegengesetzte Lehrer
bescherte:
Prof. Scholz und Prof. Iwan Knorr, der mich in
Kontrapunkt und
Formenlehre etc. zu betreuen hatte. Scholz war der strenge, Knorr der
viel freiere Lehrmeister; was dem einen nicht gefiel, lobte der andere;
und was diesem wenig behagte, fand jener gerade Besonders gut!
Wenn
ich auch menschlich ziemlich unter diesen Gegensätzen zu
leiden hatte,
- war es vielleicht für meinen Entwicklungsgang sehr gut,
zwischen beiden Straßen, eine dritte,
nämlich meinen Weg suchen zu
müssen.
Es
wurde streng und viel gearbeitet - der Ton zwischen Professoren,
Direktor und Schülern war ein reizender, - wie ich ihn kaum
mehr
irgendwo erlebt habe. Der Schüler - namentlich, wenn er was
konnte, -
durfte gelegentlich auch mal was riskieren. So erzählte mir
ein
Studiengenosse (ich hatte die Geschichte vergessen), wie in unserer
Klavierstunde Meister Kwast die Türe hereingekommen ist (es
war schon
ziemlich spät) und Kwast mich aufforderte: "Fangen Sie nur
schon Ihr
Schumannkonzert an, - ich komme gleich ans zweite Klavier!" (um den
Orchesterpart zu spielen). Ich begann mit kräftigem "dis" und
spielte
das Konzert in gis-moll (statt in a-moll!) Kwast verzog keine Miene,
setzte sich an den anderen Flügel und begleitete auch
transponiert, wie wenn's so geschrieben gewesen wäre. Nur bei
seinem
ersten Tutti gab's kleine Interferenzen und lachend brach er ab und
sagte: "na, wir wollen 'mal wieder in die Originaltonart gehen!" -
Es
war eine außerordentlich reiche und gesegnete Studienzeit,
und eine
große Reihe heute namhaftester Künstler
saßen damals auf den
Schulbänken des Dr. Hoch´schen Konservatoriums.
(Meine
Kompositionskollegen waren u.a. Percy Granger, Cyrill Scott, Braunfels,
Niggly, Frankenstein.)
Pfitzner spielte uns aus den Bleistiftskizzen
seine "Rose zum Liebesgarten" vor, - sein "Armer Heinrich" wurde in
Frankfurt aufgeführt; und in Oper und in den Museumskonzerten
und in
Solisten- und Kammermusikabenden gab es viele Anregungen. -Ich
"leitete" damals am Klavier die Chorproben des "Rühl'schen
Gesang-Vereins (Dirigent Scholz). Die Programme brachten, neben Bach,
Händel, Brahms etc. Werke von Edgar Tinel, Felix Woyrsch. Auch
bei dem
überhaupt ersten Volkschor begleitete ich
und erlebte die
Schwierigkeit und Begrenzungen dieser so lohnens- und dankenswerten
Aufgabe. - Und im übrigen dirigierte ich eigne Kompositionen -
und
gelegentlich Werke der großen Meister. -
Noch
eine sehr ergiebige Quelle zur Bereicherung meiner Musikliteratur
floß
mir zu in Gestalt eines Privatschülers, eines bekannten
Mäzens, der mit
mir vierhändig auf 2 Klavieren alles vom Blatt spielte, was er
gedruckt
oder geschrieben erreichen konnte. Seine Auslandsverbindungen
ermöglichten reichhaltige Beute an russischen, nordischen,
südlichen,
slawischen, romanischen Kompositionen. -
In Ergänzung des
langjährigen Vomblattspieles mit meinem Vater hatte ich auf
diese Weise
ein sicher nicht alltägliches Musikkapital mir mit der Zeit
erworben. -
Noch
während meiner Studienzeit in Frankfurt am Main machte ich mit
dem
Frankfurter Streichquartett (Prof. Hugo Heermann u. Gen.) meine erste
Konzertreise ins Ausland und zwar nach Spanien. Es gab
Kammermusikkonzerte in Bilbao. Diese Reise schenkte
mir
unvergessliche Eindrücke, ich sah zum ersten Mal das Meer, und
nun
gleich in seiner stolzesten Verfassung am Biskayischen Golf!- Und auf
der Rückreise, - über Paris - machte ich dort halt;
wohnte bei einem
Jugendfreund meines Vaters, der eine entzückende, junge
Pariserin zur
Frau hatte. Gleich beim ersten Frühstück erschienen
3,4 Freundinnen
(die verschiedenen Männer waren schon all in ihrem Beruf) und
der
"junge deutsche Künstler" wurde genauestens betrachtet ... und
ausgefragt.
Wie in einem französischen kleinen "Lustspiel" folgten
Szenen mit viel Scherz und Anmut, und es gab viel zu lachen, weil ja
auch mein Französisch – zumal auf einem Boden, der
allerlei Glatteis
trug! - zu neckischen Missverständnissen Anlaß gab.
In
Frankfurt trat dann wirklich die erste große Liebe in mein
Leben. In
der Kompositionsstunde gab es gewaltige Verwundernis, als ich
plötzlich
hefteweis Liebeslieder (meistens Gedichte von "Liliencron") mitbrachte.
"Was ist denn mit dem Zilcher los?" hieß es; und da mein Idol
den
Mädchennamen Demmering trug, ging bald der echte Musiker=Witz
um: Der
Zilcher komponiert eben den "Traum durch die Demmering!" (Anspielung an
das Rich. Strauß'sche Lied "Traum durch die
Dämmerung", das damals neu
und besonders berühmt war).
Von
kleinen Klavierstücken, einer Klavier- einer Violinsonate,
verschiedenen Liedern, ging es im Aufgabenkreis weiter über
ein Bläser-
(Klavier)-Quintett, und Orchestervariationen zur ersten (kleinen)
Symphonie. Ein Streichquartett und eine Orchestersuite (als op.4
erschienen) waren dann die letzten in der Konservatoriumszeit
entstandenen Kompositionen.
Ich bekam den Mozartpreis für Komposition,
und wurde dann geldlich unabhängig vom Elternhaus.
Ein
größeres Chorwerk (“Reinhart”
eine bretonische Legende) wurde
fertiggestellt, und nun ging's hinaus in die Welt! Ich nahm die
Partitur mit allen Hoffnungen mit nach Berlin, wo
ich mich als "freier Musiker niederließ".
Zunächst gab es für mich als Komponisten und als
Pianisten der argen Welt gegenüber schwere
Enttäuschungen.
Die
Chorwerkpartitur mußte ich (anonym natürlich) zu
einem großen
Preisausschreiben einschicken; sie ging verloren! Kam erst nach Jahr
und Tag wieder aus einem Opernarchiv (!) zum Vorschein: Preis und
namentlich die Aufführung des Werkes waren, durch diese
Mißgeschicke
unmöglich geworden, und außerdem hatte ich bei dem
Veranstalter des
Preisausschreibens (den berühmtesten Deutschen Komponisten)
sicher mir
durch meine Korrespondenzen etc. in dieser Sache keine besonderen
Sympatien erworben!
Mein Pianisten - Debüt vor einer der
größten
Konzertdirektionen verlief schließlich auch
unglücklich. Mit einem
Riesenrepertoire kam ich angetanzt; hatte zuerst auch Glück,
durch
Empfehlung eines bekannten Berliner Chordirigenten außer der
Reihe der
"Schlange sitzenden" Debütanten drangenommen zu werden. Der
Chef-euse
der Agentur war sehr Erfreuliches mitgeteilt worden; sie schlug gleich
ein Konzert in der Philharmonie, eins im Beethoven-Saal (beide mit
Orchester), und einen Klavierabend im Bechsteinsaal vor. - Als ich
fragte, wie viel Honorar ich wohl für die 3 Konzerte
bekäme, lächelte
die Dame mild, aber ironisch: "Sie meinen wohl, was Sie
die 3
Konzerte kosten! - "Ich: "Kosten??" Sie: "Nun, sagen wir mal 3 - 4ooo
Mark; dann kriegen wir Sie durch, und bei guter Presse, (woran ich nach
Allem, was ich höre, nicht zweifle) sind Sie dann ein
gemachter Mann!"
- Ich erklärte bestürzt, daß ich kein Geld
hätte, daß ich ja Geld
verdienen müsse - "können Sie dann nicht eine Tante
begaunern? oder
einen reichen Onkel schlachten??" - Beides mußte ich
verneinen, und
merklich kühler wurde ich entlassen; man versprach mir, sich
gelegentlich meiner erinnern zu wollen. -
Durch freundliche
Empfehlungsbriefe von Prof. Hugo Heermann, (mit dem ich ja meine erste
Spanien-Konzertreise unternommen hatte) konnte ich nun in Berlin bei
verschiedenen fremden Botschaften, Generalkonsulen und
ähnlichen
Kunstliebhabern in Hauskonzerten spielen. Doch war das rein
gesellschaftlich, d.h. ich traute mich nicht irgend welche
Geldforderungen anzumelden. Im Gegenteil: Blumen, Wagen bei Regenwetter
usw. kosteten mich allerhand, so daß das monatliche
"Ergebnis" auf der
Minusseite meines arg bescheidenen Conto-buches stand. Deshalb also
erneuter Besuch in der Konzertdirektion, allwo ich gefragt wurde, ob
ich auch. begleiten würde! Nach Lage der
Dinge mußte ich das bejahen, und bald saß ich "am
Klavier". -
Es
war seiner Zeit noch üblich, den Begleiter (.auch wenn er
Kammermusik
u.A. spielte) schamvoll auf dem Programm zu verschweigen! Erst nach und
nach, gelang es zwei Kollegen von mir, und mir selbst, daß
wir genannt
wurden. - Als dann bei mir in einem Konzert mit einem
ausländischen
Violinisten über mein Spiel mehr in den
Zeitungen stand, wie
über das des Solisten, ging's langsam aufwärts. Ich
wurde zu einer
Probe in die Wohnung eines berühmten russischen Geigers
bestellt. Er
legte ein Mozartviolinkonzert auf; nach dem ersten Satz verschwand der
Meister, eilte zum Telephon und radebrechte so laut und eindringlich,
daß ich hören konnte, wie er über mich und
mein Spiel der
Konzertagentur berichtete! Bald wurde ich zu einer schlesischen Tournee
verpflichtet (-Solo spielen durfte ich noch nicht! -) Bedingungen
waren: 3o Mark pro Konzert, Reisespesen u. Essen zahlt der
Konzertgeber! - Das war wenigstens ein Anfang!
Manche Herbheiten
mußte ich zwar überwinden; so hieß es in
den Hotels immer: „für mich
und meine Frau ein recht schönes Doppelzimmer, - hier
für meinen
Begleiter genügt ein ganz einfaches!" Oder, da
gewöhnlich für uns drei zwei
Fleischportionen in den Speisewagen und sonst bestellt worden waren,
mußte ich gelegentlich privat und heimlich nachhelfen! Das
wurde einmal
bemerkt, und nun hieß es dann bei jeder Gelegenheit "Bitte,
für meinen
Begleiter eine recht große Portion, er hat einen Kannibalen-Hunger!!
-
Ich
setzte mich aber künstlerisch durch und durfte später
sogar kleine
Solostücke spielen. Gewiß waren die großen
Solisten - rosinen bei mir
sehr klein geworden und das immer in der zweiten Reihe - stehen war oft
bitter. (Viele Jahre später in München, als ich
einmal bei einem sehr
repräsentativen Konzert die ganze Elite der Münchner
begleitete, hielt
König Ludwig III. nach dem Konzert einen kleinen Cercle, wobei
er Jedem
etwas Nettes sagte. So kam auch ich dran und aus hohem Munde flossen
die Worte: "Schön, schön haben's begleitet .... aber,
... "s'is
schad,.... man paßt eigentlich nur auf den Andern
auf!" -
Der Begleiter mußte auch (Gott sei's geklagt!) oft sehr
auf den Andern aufpassen - wie viel mußte eingerenkt,
gesprungen und
wieder gut gemacht werden! - Aber ich lernte nicht nur in der Lied-,
Kammermusik und Solistenliteratur unheimlich viel kennen, - begleitete
damals jahrelang fast alle Solisten u. Solistinnen mit Namen, - sondern
(und das war das Wichtigste) ich drang in das Wesen der
Streichinstrumente, mancher Blasinstrumente, und vor allem in die
Geheimnisse der menschlichen Stimme ein, lernte
atmen, phrasieren, deklamieren. - Wieder mußte ich danken,
daß mein Berufsweg so
angefangen hatte - denn alles, was ich an Schönem und
Vorbildlichem
gehört hatte, konnte ich ja nun für mich beim
Klavierspiel verwenden,
und nicht zuletzt hatten meine Kompositionen den Vorteil davon!
Über
ein Jahr lang hatte ich mit dem russischen Violinistenpaar musiziert,
ohne daß ich je über meine Kompositionen mit ihnen
gesprochen hätte. -
Sie suchten dringend nach einem Konzert für zwei Geigen! Und
eines
schönen Sonntagvormittags erwähnte ich so
beiläufig nach der kurzen
Probe: „ich habe für Sie ein Konzert für 2
Geigen geschrieben" — Zuerst
große Verblüffung, dann lachte er los: "Das iiis
'mal wieder so'n
echter Zilcher-witz'. " Ich holte aber aus meiner Mappe das Manuskript
- und spielte es ihnen vor! - Nun war das Erstaunen und - darf ich
sagen - die Freude der Beiden grenzenlos! (Es war mein op.9). Sie
veranstalteten bald ein Hauskonzert mit eingeladener Presse, und das
Doppelkonzert stieg dann einige Monate später mit Orchester in
einem
großen Konzert im Beethovensaal. -
Einige
Seiten müßte ich füllen, wollte ich mit den
eben Genannten - all die
Künstler nennen, denen ich wertvollste Anregung verdanke. Ich
beschränke mich auf einen, weil er mich in Bezug auf Vortrag
und
Ausdruck in sprachlichen, gesanglichen und allen anderen musikalischen
Dingen ungemein gefördert hat: - Ludwig Wüllner. Er
holte die besten
und letzten Dinge aus jeder Musik, aus jedem Gedicht, und entschleierte
Geheimnisse und Schönheiten, die mir (und vielen Anderen) noch
nicht
aufgegangen waren: sei es Schubert, Brahms oder Hugo Wolf und Schumann,
- sei es Lessing, Hölderlin, Schiller, Goethe oder Homer.
Sein
(melodramatischer) Vortrag des letzten Gesanges der Ilias ergriff mich
jedes mal, so daß ich mich ganz schief zum Flügel
setzen mußte, damit
das Publikum nicht sehen konnte, wie ich weinte.
Mein
früherer Privatschüler - der Frankfurter
Mäzen - finanzierte mir ein
eignes Orchesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern, in dem ich
nur neue Kompositionen von mir dirigierte. - Der dicke Orchesterdiener
des Philharmonischen Orchesters - ein Berliner Original! - klopfte mir
nach der ersten Nummer des Konzertes (meine I. (große)
Symphonie, op.
17) im Künstlerzimmer auf die Schultern und sagte wohlwollend:
"Aus
Ihnen wird noch 'mal 'was!" Ich fragte: "Sie merken wohl schon nach ein
paar Takten am Taktstock, was mit Einem los ist?" Er: "Taktstock?
Taktstock??.. Wie einer hier die Treppe auf's
Podium raufjeht, da weess ick schon Bescheid!" –
Ich
fürchte, daß Niemand mehr von der Familie des stets
hilfsbereiten
Mäzens lebt, um auch jetzt wieder meine große
Dankbarkeit zu vernehmen,
die ich dem Spender dieses für mich sehr wichtigen Konzerts
natürlich
öfter bekundet habe. (Er pflegte dann, etwas bitter
lächelnd, jedesmal
abzuwinken mit der Bemerkung: "Unseren zwei größten
lebenden
Komponisten hatte ich - ähnlich wie Ihnen - auch solche
Konzerte
vermittelt, - "leider kennen sie mich nicht mehr."--)
Die
Möglichkeit einer größeren Tournee nach den
Vereinigten. Staaten von
Amerika mit einem jungen Geiger zwangen mich, mein
Militärverhältnis -
etwas forciert – klarzustellen, und ich meldete mich beim
Garderegiment! Ich war sehr blaß, schmal und unscheinbar
damals, und
als ich zur Aufnahme vor einigen Gewaltigen des Offizierkorps stand,
schienen elegante, etwas vage Handbewegungen des verhandelnden
Leutnants zu fragen, ob das Alles sei, was da vor ihm stände.
Jedenfalls hatte er sich in diesem Sinne geäußert.
Ich bestand aber auf
einer endgültigen, ärztlichen Untersuchung. Das
Ergebnis ist mir dann
(über hohe Umwege) gezeigt worden und hieß, -
daß ich vermutlich nicht
die mittlere Lebensdauer erreichen würde; ich war also
für's Militär
gänzlich untauglich "von der Garde woll'n wa jar nich' reden!
".-
Somit
konnte ich den großen Konzertplan, der auf über 5o
Städte .die in
Amerika berechnet war, annehmen und mit einen 13-jährigen
ungarischen
Wundergeiger "stach ich in See."
Vorher noch hatte ich
- durch Empfehlung von Humperdinck - die Bekanntschaft mit dem Dichter Richard
Dehmel
gemacht, der mir seine Pantomime, sein Traum- und Tanzspiel
"Fitzebutze" zur Vertonung überreicht. Für das
nächste halbe Jahr hatte
ich also genügend Stoff zu Anregungen und eine Fülle
von Arbeit.
Diese
vor nun 40 Jahren erlebte amerikanische Tournee brauchte eigentlich ein
eigenes Buch; es war wirklich eine neue Welt und gab mancherlei zu
lernen, - oder umzulernen. Gleich am ersten Abend nach der Ankunft in
New York war ein ausgiebiger Nachttrunk mit "der Presse!" Man wurde
ausgefragt bis aufs Hemd - leider hatten sowohl der Geiger, wie ich
keine sonderlich interessanten "Eigenheiten" zu vermelden. Einer der
Herren wollte mir freundlichst auf die Reklame - beine helfen und
fragte: "Essen Sie nicht den grünen Salat mit Himbeersaft
angemacht?
oder legen Sie sich etwa mit einer Krawatte bekleidet ins Bett??
Sammeln Sie Hühneraugen??? Mein Gott, Sie müssen doch
irgend was Besonderes
haben! - Nein?" - Ich konnte nicht dienen und erlebte gleich noch eine
auf ähnlicher Ebene sich abzeichnende Szene.
Es
erschien ein neuer Presse-Kollege, der von seinem Telefon- und
Kabelzimmer seiner Zeitung kommend zu unserem Kreis stieß. Er
wurde
lachend beglückwünscht zu seinem famosen Artikel
über den großen Ball
der Eisverkäufer. "So, - ist der Artikel, ist die Nummer schon
draußen,
- ich konnte keine Korrekturen mehr lesen, da ich auswärtige
Telefone
hatte!" "Ja, ja," hieß es, "wunderschön, mit guten
Fotos, und sehr
interresant und witzig! " Nun muß man wissen, daß
damals
(wahrscheinlich heute auch noch!) selbst die größten
Zeitungen, große,
ausführlichste Berichte über solche Bälle
brachten, mit Namen von
Prominenzen, mit Kleiderbeschreibungen, mit amüsanten
Zwischenfällen
etc. etc.. Nun ging's weiter. "Wissen Sie nicht, dass die Frau des
Vorstandes der Eiskäufer-Vereinigung erkrankt ist?" - "Oh, das
hätte
ich noch bringen müssen!" - "Besser nicht" - fuhr ein
freundlicher
Kollege fort - "der ganze Ball ist abgesagt
worden!!" ... Die
Antwort des phantasievollen Berichterstatters waren nach kurzer Pause
lediglich: "Oh, verdammt!, - dann muss ich noch
einen Artikel schreiben!" - Und man ging zur Tages- bzw. Nachtordnung
über, und es gab unzählige Cocktails und andere
drinks! -
Im
ersten Konzert kam der amerikanische Konzertagent nach meiner ersten
Solonummer aufgeregt ins Künstlerzimmer, - ich dachte, er
wollte mir zu
meinem Erfolg gratulieren, aber weit gefehlt: "Um Gottes willen,
Unglücksmensch! Sie müssen sich anders auf den Stuhl
setzen, - die
Damen haben Angst, Sie könnten runterfallen!" (Ich sitze in
der Tat nur
auf der Hälfte des Stuhles, der noch dazu ziemlich weit weg
vom Flügel
steht!) "Ja, aber ich bin's so gewohnt" "Das ist ganz egal! versprechen
Sie mir, dass Sie sich nun richtig hinsetzen? Sie
verderben
sich und uns das ganze Konzert!" Ich wurde bockig, worauf er
erklärte:
"Wenn Sie das nicht tun, löse ich den Vertrag mit Ihnen!!" Ich
wusste
nun schon (und habe es leider im Verlauf der Tournee öfter
erlebt),
dass mit diesem Mann schlecht Kirschen-Essen war und habe einen
Kompromiss-sitz, wenigstens für die ersten Konzerte
eingenommen.
Das
schönste an den Bedingungen dieser Tournee war, daß
jeweils immer erst
am übernächsten Tag nach Ankunft in irgendeiner Stadt
ein Konzert sein
durfte, - um den jungen Geiger zu schonen. Dadurch hatte ich wunderbar
Zeit, Land und Leute kennenzulernen und ... an dem "Fitzebutze" zu
arbeiten.
Die Konzertreise dauerte ein knappes halbes Jahr - der
Erfolg des jungen (ganz ausgezeichneten!) Geigers war nicht derart,
dass etwa noch die Südstaaten hätten
beglückt werden können. Das lag
aber nicht an ihm (oder uns), sondern an einer Pressemache, die aus
irgendwelchen Konkurrenzgründen eine damals herausgekommene
"Bill"
gegen das Geldverdienen von Kindern ausnützte. Gewiss war
dieses Gesetz
nicht gegen Wunderkinder gerichtet, aber die Tournee wurde
unterbrochen, ja, abgebrochen, und ich hatte schwerste Kämpfe
mit dem
Agenten, um zu meinem vertraglich festgelegten Honorar (Mindesthonorar)
zu gelangen. - Aber die Skizzen zu der Komposition des "Fitzebutze"
waren fertiggeworden, und ich konnte nach meiner Rückkunft in
der alten
Welt, das Werk Richard Dehmel vorspielen.
Ich
war froh, wieder in dem Schutzraum meines Vaterlandes gelangt zu sein,
wenn auch bei der Ankunft des Dampfers den Reisenden, vor allem aber
den am Ufer wartenden Maßnahmen entgegengebrüllt
wurden, die man
"drüben" nicht kannte: Mehrere Schutzleute übten ihre
Stimmbänder mit
Fortissimo wiederholten "Zurücktreten! Zurücktreten!"
In
der Folgezeit gab es interessanten Meinungsaustausch zwischen Richard
Dehmel, dem Dichter und mir, dem Musiker, und der alte und ewig - junge
Streit über die Vorherrschaft der einen oder anderen Kunst
erhielt
lehrreiche Beleuchtungen. Ich besitze ein Manuskript der
"Fitzebutze"-dichtung, in der Dehmel genauigst aufgeschrieben hat,
(manchmal Wort- und Satzweise!) wie er sich die
Sache komponiert denkt oder gedacht hat.
Noch
bevor es zur Uraufführung dieser Pantomime kam, erhielt ich
eine
Anfrage vom Dr. Hoch´schen Konservatorium zu Frankfurt am
Main, ob ich
eine Stelle als Hauptfachlehrer für Klavier dort annehmen
wollte. Ich
sagte zu, - und siedelte nach 5 Jahren Berliner Tätigkeit nach
meiner
Vaterstadt über.
Wenn
es auch nicht viel Sinn hat, wenn man in einer Lebensrückschau
die eine
oder andere Handlungsweise bedauert oder für falsch
hält, (die
vielleicht zu ihrer Zeit durchaus richtig war!) möchte ich
doch
behaupten, daß es nicht gut ist, wenn man zu bald
an die Stätte
quasi als "Meister" zurückkehrt, an der man wenige Jahre
vorher
"Lehrling" gewesen war. Gewiss, - ich hatte eine schöne
Stelle, hatte
schönen Verdienst, viele Privatschüler und Konzerte,
dirigierte, machte
Kammermusik und ging weiter. Ich lernte auch in der Technik des
Unterrichtens sehr viel, - hatte ein reizendes Verhältnis zu
meinem
Direktor, zu Prof. Bernhard Scholz, und vielen anderen
Künstlern aus
Musiker-, Dichter- und Malerkreisen.
Aber irgendwie trug; ich doch
in den Augen der Allgemeinheit immer noch "kurze Hosen!" und es gab
nicht wenige Gelegenheiten, bei denen ich nicht an "Götz von
Berlichingen" hätte denken müssen! - (Da hier Gefahr
besteht, dass ich
missverstanden werde, möchte ich die Stelle "Götz"
genauer bezeichnen,
- sie steht im ersten Akt, (Speisesaal des bischöflichen
Palastes zu
Bamberg) und Liebetraut sowohl wie der Abt von Fulda sprechen es aus:
"Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande! und der Abt
erklärt dies
auch noch: "weil er da geboren und erzogen ist! "
In
Frankfurt wurde mir nahegelegt, mich nach Tübingen als
Musikdirektor zu
melden, ich hätte sicher Aussichten. Ich machte mein Gesuch
mit
allerhand Beilagen - und erhielt die Aufforderung, mich beim
schwäbischen Unterrichtsminister vorzustellen! -stand bald in
seinem
Zimmer, er war mit Schreiben beschäftigt, ich verbeugte mich
und nannte
meinen Namen: "Zilcher!" - Er betrachtete mich kurz, schrieb dann
weiter. - ich wiederholte, etwas ausdrucksvoller: "Zilcher!" - worauf
er ziemlich heftig sagte; "Ja, s'isch gut, er soll rei-komme!". - Ich,
mit höchstem Ausdruck und Räuspern:
“Zilcher!!“ Er: "Ja, zum
Donnerwetter, schicken 'Se'n doch rei!" Ich: "Pardon! Ich
heiße Hermann
Zilcher!" Und nun stand er auf, beguckte mich sehr erstaunt und meinte:
"Sie sind der Zilcher, ich hab' geglaubt, des isch'e Mann mit
weiße
Haar!! Ja, Sie sin' in der engschte Wahl aber,
liebes Herrgöttle ..... Sie send ja e Büüble!"
Mein Konkurrent war doppelt so alt wie ich und erhielt mit Recht die
Stelle.
Dass
mir meine Jugend im Weg stand, hatte ich ja auf mancherlei Gebieten
schon früher öfter erlebt, noch als
Konservatoriumsschüler riet man
mir, mich bei einem Preisausschreiben in Bonn zu beteiligen. Ich hatte
schon Pakete und Briefe fertig gemacht, da wurde wieder abgeblasen, die
Bedingungen wären erst ab 18. Lebensjahr!!,
ich konnte es mir nicht versagen zu bemerken: "Dann sollte man aber
auch nach oben begrenzen!, was mein nicht mehr
junger Lehrer mit einiger Herbheit entgegennahm. -
In
das Jahr 19o8 fiel noch die Uraufführung der Richard
Dehmel'schen
Pantomime "Fitzebutze"!" Das Werk enthält verschiedene, damals
ganz
neuartige Tanz und Bewegungsideen, - die Musik verlangt oft frei - bis
- strengst = rhythmische Bewegungen auf der Bühne, - die
Szenerie
stellt allerhand dankbare, aber kühne Anforderungen, - die
Aufführung
blieb 9/lo im alten Ballettstil kleben, und das Pantomimische war nicht
klar durchgearbeitet worden.
Der Erfolg war beim Publikum sehr groß
aber aus allerlei persönlichen und politischen
Gründen (die mit Dehmel
zusammenhängen) gab es einen großen Presseskandal,
mit Drohungen
("Eingesandt") von 2oo Abonnenten, nie mehr das Theater zu betreten,
wenn "Fitzebutze" noch ein einzigesmal aufgeführt werden
würde. - Der
so lebendige Mexikanische Gott alias Hampelmann wurde abgesetzt. - Aber
zwei kleine Erlebnisse sind mir noch erinnerlich, die ich
erzählen
möchte. -
Eine Hauptfigur in dem Stück, ein Traumgott ("Husch") genannt,
- und da in dem Stück auch gesungen wurde - mit wichtiger Tenorrolle
betraut - erschien nicht
in den ersten Bühnenproben "weil man ja dem berühmten
Tenor der Bühne
nicht zumuten könne, wegen. der paar Liedln zu kommen!" Nun
war aber
das pantomimische so wichtig, - dieser Traumgott
war mit seiner
Zauberblume doch der richtige deus ex machina!, ohne ihn war eigentlich
jede Probe sinnlos, der Gang der Handlung nicht zu verstehen. "Das
kommt alles in den letzten Proben", vertröstete man mich, -
"markieren Sie
doch den Husch!" Ich nahm also meinen Regenschirm (als Zauberblume),
musste durch verschiedene unterirdische Gänge zu der
Versenkung
hingehen, die mich nach oben auf die Bühne befördern
sollte. - Ich nahm
die vorgeschriebene Haltung ein, vorgebeugt, hypnotisierend meinen
Zauberschirm in die Gegend streckend, worauf der die Versenkung
bedienende Bühnenarbeiter zu mir sagte: "Mache Sie
die Fee??
Dann müsse' Se sich umdrehe, sonst zeige Se dem Publikum Ihr'n
Hintere!" - (Na, - bei der Aufführung stand dann, wie nicht
anders zu
erwarten, auch mancherlei "verkehrt" herum!")
Nach mehreren Jahren
hatte ich mit dem Geiger Ysaye
ein Konzert in Mannheim; nach demselben gab's Festsouper mit einigen
Auserwählten. Meine Tischdame kam auf's Theater zu sprechen
und ich
fragte sie, ob sie den "Fitzebutze" gehört und gesehen
hätte. "Ja"
sagte sie und schüttelte sich, "gräßlich,
gräßliche Stück!" Worauf ihr
(und mein) Vis-á-vis, das besser im Bilde war, merklich kleiner
wurde! und unter dem Tisch mit Fußtelegraphie die Freundin
auf ihren
faux pas aufmerksam machen wollte. Leider hatte die freundlich Helfende
sich in der Richtung vertan und traf mich, bzw. meine
Beine! Ich hatte also doppelten Grund die Geschichte scherzhaft
beizulegen. "Ja, die Musiiik, die war
entzückend!" hiess es dann.
Jedenfalls hatte mich die Fitzebutzemusik doch weiter, und zwar nach München
gebracht, wo, ich dann allerhand für die Bühne und
Tanz geschrieben habe, und Mannheimer Erfahrungen verwerten konnte. -
Nach
Frankfurt gelangte nämlich eine Anfrage des Generalissimus von
München,
Felix Mottl, der auch Direktor der Akademie der Tonkunst war, ob ich
dort hin wolle. – Kompositionslehrstelle sei zwar keine frei
im
Augenblick (Mottl kannte meine "Fitzebutze"-partitur!) aber ich
könnte
ja ebensogut eine Hauptfachlehrstelle für Klavier einstweilen
übernehmen!, die andere Stelle käme dann
später! - Ich nahm an, und
verließ ohne allzu heftigem Schmerz meine Vaterstadt.
In
München! 19o8 in München, wo es zu allem noch eine
große Ausstellung
.gab, wo noch "Schwabing" leibte und lebte, überhaupt doch
noch recht
lebendige Reste alten Münchener Künstlerlebens da
waren, wo die
Akademiekonzerte unter Felix Mottl wahre Festabende bedeuteten, die
Oper unter seiner Leitung nicht nur die großen Meisterwerke,
sondern
gelegentlich auch allerlei Leckerbissen brachte. In München,
wo es
kluge Kalendersachverständige eingerichtet hatten,
daß das ganze Jahr
durch es wohl kaum eine Woche gegeben hatte, wo nicht ein Fest, eine
Dult, ein Bockbier- oder Salvator-ausschank, irgendwelche
Eröffnungen
oder Feiertage Sonntägliches Leben zauberten. In
München blieb ich 12
Jahre, die für mich unendlich reich auf allen
künstlerischen Gebieten
waren und ein Leben in einer Atmosphäre gestatteten, die
sicher nur
wenigen Städten Deutschlands eigen ist und war.
In der beschwingten
Münchener Luft (oft ein Gemisch von Malz, Schnee und Sekt!)
entstandcn
u.a. der Dehmel-Lieder-Zyklus, "Hölderlin" - Symphonischer
Zyklus für
Tenor und Orchester, das "Deutsche Volkslieder-Spiel, das
„Hohelied
Salomonis" (Variationen für 2
Singstimmen, Streichquartett und Klavier) Bühnenmusik zu "Wie
es Euch gefällt" und zum "Wintermärchen"
von Shakespeare, und "Doktor Eisenbart" Oper von
Falkenberg-Waltershausen, und die "Liebesmesse", Gedicht für
ein großes Chorwerk von Will Vesper. -
Direkt aus der Landschaft geboren waren, meine II. Symphonie
(mit Erinnerungen an Hochgebirgslieder aus dem Fervall), "Nacht
und Morgen" (Chiemsee), Chiemsee-Terzette,
und in dem Klavierzyklus „Bilderbuch" allerhand Reminiscenzen
an München und seine Umgebung. -
Von besonderer Bedeutung für mich war die Verbindung mit den
Münchner Kammerspielen, mit Otto Falckenberg
als Spielleiter, Leo Pazetti als
Bühnenbildner. Zuerst versuchte ich in der Gespenstersonate
von Strindberg das grause Bühnengeschehen durch wenige
Einlagen in ein
mitleidsvoll-mystisches, musikalisches Licht zu tauchen. - Dann aber
kam die köstliche Zeit der Zusammenarbeit mit den Genannten
für das
Lustspiel "Wie es Euch gefällt!" Eine
ungemein erregende Arbeit
- und lusterfüllte Probenzeit von einigen Wochen; in einer der
letzten
Bühnenproben (mit Orchester) war schließlich die
allgemeine Nervosität
und stellenweise sogar das Verkrachtsein zum Siedepunkt gediehen, es
musste eine Beruhigungspause eingeschoben werden und in dieser
ließ ich
zum erstenmal den Reigen spielen, der zu Beginn und
zum
Erklingen des Spieles steht: langsam kamen die gekränkten
Schauspieler-
und spielerinnen vor den Vorhang, und der langsame Walzer
umschmeichelte sie mehr und mehr - es bedurfte keiner
"Beilegungskommission", alles Böse war vergessen und
löste sich in
allgemeines Wohlgefallen auf. Als dann bei der Premiere am Schluss des
Stückes (hinter der Bühne) im Ardennerwald die
verschiedenen Pärchen
scherzend und kichernd, abtanzend verschwinden und verklingen
mußten,
gab es sechs regelrechte Verlobungen! unter den
Schauspielern,
- die wie ich später hörte - nicht nur zum Ziel
geführt, sondern
erstaunlich langes Eheglück zur Folge hatten. (Der Schluss des
Lustspieles lautet ja auch: "Beginnt mit Lust, was glücklich
enden mag!
... ")
Die
schönste vollendetste Erstaufführung eines Werkes von
mir erlebte ich,
als das Vokalquartett Felix von Kraus mein "Deutsches Volksliederspiel"
herausbrachte. Es war vorbildlich einstudiert worden, - ich durfte als
Komponist erst nach ca. 3o (!) Vorproben am Klavier mitmachen, und
meine Seele jauchzte! - Ungezählte Städte brachten
das Stück - sehr
spät kam erst Berlin! und auch dort zunächst durch
eine Veranstaltung
der .... Berliner Sezession! Dies freundliche Interesse der Berliner
Malerkreise hatte in der Presse amüsante Folgen, indem die
für
Gemäldeausstellungen zuständigen Referenten zu dieser
Veranstaltung
eingeladen worden waren, was begreiflicherweise "eigenartige"
Besprechungen ergab! So schrieb eine der größten
Berliner Zeitungen,
man wäre enttäuscht gewesen, dass die
Vorführenden nicht im Kostüm
erschienen und keinerlei Tänze gebracht worden wären!
In idealer Zusammenarbeit von Dichter und Musiker entstand die "'Liebesmesse",
Gedicht für ein Chorwerk von Will Vesper.
In vielen schönen Wanderungen durchs Isartal besprachen wir
die
Einzelheiten, -Vesper dichtete einige Verse, ich spielte sie ihm vor, -
er regte mich, ich ihn an und so wuchs allmählich dies Werk
heran, das
dann Hans Pfitzner in Strassburg zu einer beglückenden Taufe
führte. Es
war im Jahre 1915 und noch bis in die ersten Wochen des Ersten
Weltkrieges erhielt ich immer wieder köstlichste
Gänseleberkompositionen von Straßburger Begeisterten
zugeschickt! -
Als
Interpret sei als Dirigent, Solist, Begleiter oder Kammermusikspieler
hatte ich in München, und von München aus reiches
Betätigungsfeld. Ich
war Dirigent des „Neuen Orchestervereines", eine Vereinigung
von
erstaunlich gut spielenden Ärzten, Offizieren, Beamte, Malern
etc. - Es
war eine Lust, die berühmten Frauen- oder
Männerärzte, Juristen,
Portrait: und Landschaftsmaler ui “Dirigieren”!,
denn sie selbst hatten
die größte Lust, nach des Tages Last und
Mühe sich in selten gehörte
Werke zu vertiefen. Wir brachten in Konzerten nicht nur Leckerbissen
von Berlioz, Debussy, Grainger, Thuille, Schillings, R.
Strauß,
Pfitzner u.a., sondern hatten auch noch manchem jungen Komponisten die
Öffentlichkeit erobert. Nach jeder Probe gab es noch
ausgiebigen Nach-
und Nachttrunk mit dem dazugehörigen "Würsteln" -und
viel reizender
Scherz und Schabernak wurde getrieben. (Der erste "Kontrabassist" des
neuen Orchestervereins - ein berühmter Urologe -) hat ein
ausführliches, entzückendes Münchener Buch
geschrieben, indem auch
manche der Späße erzählt sind, die um und
in dem Neuen. Orchesterverein
spielten, - ich kann deshalb hier darauf verzichten.
Das Wichtigste
für mich war ja auch, ganz mitten in der
Orchestererziehungsarbeit
sitzen zu müssen und zu können; - und durch diese
Praxis - in
begreiflicher Weise doch manchmal etwas sprödem Stoff -
erschlossen
sich mir manche Klanggeheimnisse, die mir vielleicht bei der
Selbstverständlichkeit technischen Könnens eines
Berufsorchesters
verschlossen geblieben wären. So hatte denn auch der
Orchestererzieher
seinen Vorteil, von dem ich dann später in Würzburg
allerhand Zinsen
einziehen konnte.
Eines
merkwürdigen Angebots muss ich noch gedenken, weil
Umstände,
Schwierigkeit des Stoffes und die fast unmöglich kleine Frist,
die mir
zur Arbeit gegeben war, wohl Anreiz genug brachten. Es handelte sich um
eine große Pantomime "Esther“, die mit allerersten
Schauspielern und
Tänzerinnen in Circus Krone gebracht werden sollte, und es
fehlte an
einer eigens dazu geschaffenen Musik. Die Veranstalter hatten ihr
Manuskript schon verschiedenen Komponisten - Größen
angeboten, - jeder
der Meister behielt es längere Zeit, um dann doch in
vorletzter und
letzter Stunde abzugehen. Schließlich blieben noch 24 Tage!!
und nun
sollte ich mich entscheiden. Es waren l 1/2 bis 2 Stunden fortlaufende
Musikstücke, Zwischenspiele, Chöre etc. zu schreiben,
und
einzustudieren!
Ich überlegte, - machte mir einen
"Organisationsplan" - (denn ohne "Mitarbeit" Helfender war gar nicht
daran zu denken, Partitur, Stimmen und Klavierauszug in der
lächerlich
kurzen Zeit fertigzustellen). Ich sagte also zu und bat einige
Kompositionsschüler und -schülerinnen um Hilfe und
nachdem ich einige
Tage vorgearbeitet hatte, um auch den anderen Stoff - und
Arbeitsbeispiele geben zu können, ging Nachmittag, abends und
nachts
die "Gemeinschaftsarbeit" los. Ich gab z. Bsp. einem Helfer eine
Partitur mit 1o bis 2o Seiten, er hatte die Aufgabe dasselbe
Stück in
einer anderen Tonart zu bringen, mit bewegter Begleitung! Ein anderer
musste ein Zwischenspiel nun nur für Streicher setzen, - oder
ein a
capella-Chor mit Orchesterbegleitung versehen. Eine Reprise musste
ausgeschrieben werden, u.s.w. usw.! War ein Stück fertig,
wurde es in
den Gesamtplan ziffernmässig eingefügt, und die
Kollegen oder
Kolleginnen, die schön und deutlich schreiben konnten, mussten
Stimmen
herausschreiben! (Zwischendurch gab es Kaffee und Kuchen, Abendessen
und nachts Bowle mit belegten Broten - die "Fabrik" war auf
fünf
verschiedene Zimmer verteilt, und die Arbeit ging mit Dampf! - es wurde
unendlich viel geraucht!!)
Da der Szenenwechsel (im Circus) nur
durch Dunkelmachen, bzw. die neue Szene durch Hellwerden
ermöglicht
werden konnte, gab mir das, damals noch, zischende, spritzende
Geräusch
der aufflammenden Bogenlampen interessante Anregungen in Bezug auf
Einfälle und Instrumentation der betreffenden Stellen. -
Schließlich
musste ich durch Wiederholungs- oder Strichmöglichkeiten die
ganze
Musik auf Gummiart einrichten für all die Fälle, wo
die Pantomime
früher oder später fertig werden sollte, wo der
Szenenwechsel mehr oder
weniger Zeit brauchte als man so - ohne Proben - vorausgesehen hatte!-
Nun:
unsere Arbeit klappte, wir waren zur verabredeten Zeit fertig und die
drei Gesamtproben konnten beginnen. Eine war von 11 Uhr bis 6
Uhr
nachmittags, - dann Pause bis 1o Uhr nachts, dann von 1o Uhr nachts bis
morgens früh 6 Uhr!! - schließlich die
(öffentliche!) Hauptprobe von
abends 6 - bis wieder um 5 Uhr morgens! - Als ich nach dieser nach
Hause taumelte, hatte ich mich zweimal verlaufen! fand meine Wohnung
nicht! - außerdem war ich stockheiser durch das Schreien in
dem
stauberfüllten Circusraum.
Es war ziemlich hoch gewettet worden, ich
würde nicht fertig werden und müsste eine sehr hohe
Konventionalstrafe
zahlen! Aber allen "freundlichen Gesinnungsgenossen" zum Trotz klappte
doch alles, und das Dirigieren war in Bezug auf das Einrenken auf das
Vorausfühlen, wie lange noch dies oder jenes dauern
würde etc. etc.,
ein reizvolles Kunststück für sich! -
Nun ist nichts so peinlich,
als wenn einem eine große Schadenfreude, mit der man sicher
gerechnet
hat, vereitelt wird. So geschah es diesmal auch wieder einigen lieben
"Kollegen" - und es kam schließlich zu einem Presseskandal,
ich musste
Klagen, bekam allerdings vollständig Recht, der Verleumder
verlor
Prozeß und Stellung!! Aber meine
Münchener Uhr stand "kurz vor 12 !"
Gar
mancher Künstler hat es in München erlebt: es geht
alles gut, so lange
gute Freunde einem unter den Arm nehmen, einem wirklich wohlwollend und
hilfsbeflissen auf die Schaltern klopfen können, - aber wehe!
- wenn
einer zu selbständig wird! Dann geht's noch allenfalls, wenn
er einen
ausgedehnten Frühschoppen-Cafe=tarock- und Abendschoppenkreis
hat, wenn
er (als "Ausländer" namentlich) eingesessene "Spezeln" hat, -
aber
sonst gibt's eine "Hetz", die wie ich mir habe sagen lassen, noch viel
ärger in Wien sein soll. - Aber auch das Münchener
"Des gibt's fei
net!" hat Schwungkraft, findet Maulwurfsgänge und
überraschende
Ausfallstore und so hatte bald mein Stündlein geschlagen. Ich
habe es
damals oft (zu oft!) gesagt: München ist die Stadt, die ich am
meisten
liebe und hasse; und wer damals meinen Hass erlebt hat, der kann erst
beurteilen, wie sehr ich München geliebt
habe, - und noch liebe! -
So
nahm ich denn das Angebot, als Direktor an die Musikschule nach
Würzburg zu gehen, an und fuhr bald an des Maines Strand, um
zu sehen,
wie, wo und was. -
Es war ein verregneter Sommertag, als ich in
Würzburg ankam; ich mußte ein paar Stunden mittags
herumbummeln, ehe
ich mit dem damaligen Oberbürgermeister sprechen konnte;
suchte ein
Cafe mit Billard - nirgends etwas zu finden; endlich zeigte man mir
eins, - ich wußte nicht, was schrecklicher war: der Kaffee,
das Lokal
oder das Billard. Oh, überhaupt, der Schritt, der Sprung von
München
nach Würzburg! ...
Dann kam die Unterredung mit dem Oberhaupt der
Stadt - das Ergebnis war zweifelsvoll, ich war eigentlich entschlossen
in München zu bleiben. - da hellte sich der Himmel auf, - ich
entdeckte
die Altstadt mit ihren Köstlichkeiten, landete am Dom - und
hörte
wunderschönes Orchesterspiel aus einem Gebäude, aus
dessen geöffneten
Fenstern reizende junge Menschen herausschauten, ich fragte jemanden,
was das für ein Haus, für ein Saal sei, wo da solche
Klänge herkamen -
"Das ist die Musikschule!!" Und jetzt stand es fest bei mir, ich hatte
mich für Würzburg entschieden und landete nach
wenigen Wochen im Herbst
192o, - und fing an!-
Zunächst
war ich ganz allein, kannte niemanden; mein Vorgänger war
"böse" auf
mich, weil ich überhaupt gekommen war, so dass ich meine Bitte
um
freundliche Hilfe beim "Einarbeiten" gar nicht anbringen konnte! Durch
Aktenberge, Verordnungsschluchten und Paragraphenzäune
versuchte ich in
das eigentliche Innere der (früher königlichen)
Musikschule zu
gelingen, und fühlte mich schrecklich einsam! Ich wohnte am
Main in
einem reizendgelegenen Hotel ging aber vor den Hühnern zu Bett
und
hatte das heulende Elend. -
Da wurde ich eines Abends (im
Nachtgewand) ans Telefon gerufen, ein Kunstmaler aus München
(der erste
Oboist des Neuen Orchestervereins) wollte mich sprechen und bat mich,
doch zu ihm zu kommen, er sei bei entzückenden
Würzburger Freunden, es
sei so lustig, und ich fehlte eigentlich noch.
Schnell zog ich
mich wieder an, liess einen Zweispänner herbeitelefonieren, um
den
Zeitverlust wieder einholen zu können, da ich auch nicht
wusste, wie
weit weg von meinem Hotel die Würzburger Freunde wohnten. Als
ich dem
Kutscher die Adresse sagte, schaute er mich merkwürdig
blinzelnd an,
ich rechnete mit einer langen komplizierten Fahrt und mir bangte vor
dem Rückwege Kaum hatte ich mich bequem
zurückgesetzt, als das stolze
Gefährt schon hielt und der Kutscher lachend bemerkte: "Mir
sin' schon
da!" und es gab allgemeines Halloh und Gelächter, weil ich
für den zwei
bis drei Minuten langen Weg einen Zweispänner bemüht
hatte. Der Abend,
- die Nacht war lang und sehr lustig und ich machte meine erste etwas
zaghafte Bekanntschaft mit den Bocksbeuteln - ich fing an
Würzburger zu
werden! -
Bald begannen die Aufnahmeprüfungen und der
ganze
Schulbetrieb, und es war nicht leicht, all den Forderungen auch der
Verwaltung gerecht zu werden. - Mein Vorgänger im
Amte wurde
Musikkritiker! an einer Würzburger Zeitung und erleichterte
mir das
Leben nicht! Es war ein schwerer Anfang, um so mehr, als seltsame
Verwehungen von dem Münchener Presseprozeß als
gelegentliche kalte
Niederschläge in Würzburg auf mein Haupt
niederprasselten. -
Aber:
nach eine; Jahr eröffnete ich in der Residenz (1921) das erste
Mozartfest - und ein Vierteljahrhundert versuchte ich, dem
Würzburger
Musikleben zu helfen und zu dienen. –
Damit bin ich wieder
am Ausgangspunkt meiner skizzenhaften Aufzeichnung.
Ich
könnte mir denken, dass man folgende Frage stellt: "Sie haben
soviel in
Ihrer Musik über "Liebe" gesungen: Dehmel-Zyklus,
Hölderlin-Zyklus, die
"Liebesmesse", Goethelieder, Eichendorfflieder usw. - sicher hat doch
Eros bei manchen von Ihren Werken Pate gestanden? Warum erfahren wir da
nichts, wo es doch sicher allerlei zu erzählen gibt??" -
Gewiss
hätte ich gar manches zu melden von Lust und Leid, von Wonne
und Weh...
aber ich glaube, ich habe das schon in meiner Musik in besserer Form
getan, als ich es in Prosa hätte niederschreiben
können. Wenn schon die Sprache - wie wohl
Talleyrand es gesagt hat -
dem Menschen gegeben ist, um seine Gedanken zu verbergen, so gestattet
die Musik dem Musiker, unverhüllt sein
ganzes Herz auszuschütten und Jeder kann hören, ...
was er zu hören vermag! -
Meine Musik aber ist mein unbegrenzter Dank für alle
Höhen und Tiefen, die ich in Leben durchschreiten durfte.
Noch atme ich, - und
da ich hier ja keine Melodien geben kann, schreibe ich das Leitwort
nieder, das Richard Dehmel seinem Gedichtband "Aber die Liebe" vor
angesetzt hat, und das zu Beginn meines "Dehmel-Zyklus" steht:
In allen Tiefen
musst
du dich prüfen,
zu deinen Zielen
dich klar zu fühlen.
Aber die Liebe
ist das Trübe.
Jedweder Nachen,
drin Sehnsucht sinkt,
ist auch der Rachen,
der sie verschlingt.
Aber ob rings von Zähnen umgiert,
das Leben sitzt und jubiliert:
L i e b e! -
"Wie ich wurde" -
anzudeuten, war meine Absicht.
"Wie ich wurde" zu beschreiben, ist dann Aufgabe der Anderen. -
Würzburg,
den 15. Februar 1946
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